Von Helmut Schödel

Gegen 10 Uhr vormittags Post, wie gewöhnlich. Ein großer, wattierter Umschlag fällt auf, weil er so zerschlissen ist. Adressiert ist er "an den Kulturfreund Schödel". Inhalt: In weinrot glänzendes Papier gewickelt ein paar Bockwürste. Ah, denke ich, welche Ehre, Warhol schreibt. Aber dann kommen schnell Zweifel: Warhol hätte die Dose geschickt, nicht die Würste, und vor allem irritiert mich das Jahr des Poststempels: 1985. Dann ist es also nicht mehr Pop, sondern Punk. Ich merke mir den Vorfall unter "Avantgarde" und notiere den Absender: Peter Sempel. Der Maler, Film- und Videokünstler Vlado Kristl hatte ihn mir vor ein paar Monaten als einen talentierten jungen Filmemacher vorgestellt.

Morgens um acht klingelt mich der Briefträger aus dem Bett. Eilpost. Wie könnte es anders sein: Peter Sempel, der junge Filmemacher aus Hamburg, schreibt dem "Kulturfreund Schödel". In einem längeren Text erzählt er von seiner letzten Tour durch die Bundesrepublik. Er hat mit viel Erfolg in Kinos und Diskotheken seinen Film "Der wilde Rabe" gezeigt. Ich werde in dem Text bereits lobend erwähnt.

Eine Stunde später wieder ein Eilbrief: ein getipptes Interview mit Peter Sempel, kommentarlos. Der erste Brief wurde in Hamburg, der zweite in Solingen abgeschickt. Absender des zweiten Briefes: Anja Genau. Ah, jetzt erinnere ich mich. Eine Dame dieses Namens hatte mir schon einmal geschrieben, wie nachhaltig ihr Hausfrauenleben von Peter Sempels Filmen berührt, ja aufgerüttelt worden sei. Ich solle darüber in der ZEIT berichten. Wer aber ist Anja Genau? Mir geht Vlado Kristls Empfehlung nicht aus dem Kopf. Was hat der alte Hasardeur gemeint, von welchem Talent redet er, was will er beschleunigen mit seinem Hinweis auf Sempel: die Rettung des Kinos oder den Tod des Zuschauers?

Ständig klagt man über einen Mangel an jungen Talenten im Film und im Theater, über das Fehlen der "Dritten Generation". Hat sie sich vielleicht bei mir gemeldet? Die Sache ist auffällig und will verkraftet sein. Ich begebe mich auf die Suche nach der Dritten Generation. Eine Irrfahrt beginnt. Die Angelegenheit Sempel lasse ich vorerst ruhen.

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Die Szene spielt während einer der großen Schneekatastrophen des letzten Winters. Die heftigen Schneefälle haben inzwischen auch Jugoslawien erreicht. Ich plane gerade meine Flucht vor einem sozialistischen Theaterfestival in Nova Gorica an der italienisch-jugoslawischen Grenze, wo ich mit einem gewissen Josef Hartmann aus Wien Juror spielen sollte. Wir waren für zwei Wochen verpflichtet. Deklamationstheater und grinsende Funktionäre! Nicht einmal Kaffee gibt es, ich kann nicht mehr. Hartmann setzt seine Sprachkenntnisse ein, organisiert ein Auto. Zwei Stunden sind es zum verschneiten Flughafen in Ljubljana. "Wenn Verweigerung, dann nicht mehr symbolisch, sondern unkontrollierbar", sagt Hartmann. Ich bin schon unterwegs. In Wien wollen wir uns wiedersehen.