Von Hansjakob Stehle

Mafiöse Praktiken – von der scheinbar harmlosen Vetternwirtschaft bis zur kriminellen Begünstigung, Bestechung und Bedrohung – und die entsprechende Mentalität haben sich über Italien hinaus in vielen Ländern und sozialen Strukturen eingenistet. Die "ehrenwerte Gesellschaft", wie sich die Mafia nennt, ist nicht mehr nur eine sizilianische. Und was sich hier als "Cosa Nostra" (unsere Sache) bezeichnet und organisiert, ist längst über das Milieu der Viehdiebe und lokalen Abgabenerpresser hinausgewachsen, ist Sache "anderer", vor allem des internationalen Drogen- und Waffenhandels, geworden. Allerdings "rückversichert" auf der Insel und Halbinsel, ihrer Boden- und Bauspekulation, ihren verfilzten agrarischen, industriellen und nicht zuletzt parteipolitischen Interessen.

Eben dadurch, aber auch durch seinen kaum überschaubaren Umfang (mit 474 Angeklagten und einer über achttausend Seiten langen Anklageschrift) macht der Mafia-Prozeß, der seit Februar in Palermo im Gange ist, einen verwirrenden Eindruck. Und er gerät in die Gefahr einer Selbstinszenierung, bei der man am fernen Ende auf der Bühne gleichsam vor lauter Bäumen keinen Wald mehr erkennen könnte. Und doch ist es kein Schauprozeß, vielmehr der ernste, aber auch (angesichts der Unfaßbarkeit des "Phänomens") überdimensionierte Versuch, mit den Mitteln des Rechtsstaates und seiner Justiz "die" Mafia als solche – nicht nur ihre Bosse – in den Griff zu bekommen.

Beitragen soll dazu, daß viele Hinterbliebene von Mafia-Opfern als Nebenkläger auftreten. Zu ihnen gehört der Sohn jenes schon legendären Polizei-Generals Dalla Chiesa, der Anfang September 1982 in Palermo von Mafia-Killern ermordet wurde – nur wenige Monate nach seiner Ernennung zum Präfekten von Palermo. Der Sohn, Soziologie-Dozent und engagiertes Mitglied der italienischen kommunistischen Partei hat dem Vater, dem konservativen Staatsdiener (mit dem er zu Lebzeiten im politischen, aber auch generationsbedingten Streit lag) ein ganz ungewöhnliches und schon deshalb beachtenswertes Denkmal gesetzt:

Nando Dalla Chiesa: Der Palazzo und die Mafia. Die italienische Gesellschaft und die Ermordung des Präfekten Dalla Chiesa; Verlag Förtner & Kroemer, Köln 1985; 240 S., 24,80 DM.

Dieses Buch hat die italienische Öffentlichkeit vor allem deshalb aufgewühlt, weil es mit der politischen Anklage, die das Mafia-Treiben und -Morden auf den Zustand der italienischen Gesellschaft und ihrer führenden Schicht zurückführt, ein menschlich berührendes Zeugnis verbindet: die – in gewissem Sinne – auch politische Rückkehr eines "verlorenen Sohnes" zum Vater, zumindest zu dessen moralischen Wertvorstellungen.

"Es gibt Dinge, die man nicht aus Mut vollbringt, sondern um den eigenen Kindern und Enkeln auch weiterhin ehrlich in die Augen sehen zu können" – so hatte der General Dalla Chiesa dem Sohn gesagt, als dieser ihn fragte, woher er den Mut nehme, trotz unzulänglicher politischer Rückendeckung den Kampf gegen die Mafia zu führen. Die Antwort des Vaters – "militärisch-traditionalistisch", nennt sie Nando Dalla Chiesa – hat, so bekennt er, sein eigenes Leben verändert; sie hat ihn dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben, "um Dich vor Deinen Feinden zu verteidigen, um Deine Schlacht zu schlagen" – so heißt es in einem fiktiven Brief an den toten Vater am Schluß des Buches (den man eigentlich zuerst lesen sollte). "Ich werde die Namen Deiner Mörder in die Welt hinausschreien, ich werde Dein Andenken vor den Angriffen der Schakale bewahren und die Ideale lebendig zu halten versuchen, für die Du gestorben bist." Mit diesem persönlichen, emotionalen Bekenntnis ist freilich auch die Grenze des politischen, soziologischen und kriminalistischen Erkenntniswertes des Buches gezogen. Es ist deshalb auch kein solcher "Skandal" – im Sinne von Herausforderung – wie es manche Italiener empfanden und auch Werner Raith, der Übersetzer, in seiner Einleitung vorstellt.