Die Uhr schlägt acht. Der Zwiebelturm steckt noch im Morgennebel. Rauhreif glänzt auf dem Weg. Schon kommen die ersten Blasmusiker und Fahnenträger und viele sonntäglich gestimmte Menschen: A dabei? – I bi immer dabei! begrüßen sie einander an der Dorfkirche, weiße Atemwölkchen vor dem Mund.

Die Gläubigen der Gemeinde Erling-Andechs schicken sich an, die Wallfahrt-Saison zu eröffnen. Sie wollen im Frühjahr die ersten sein, die hinaufziehen auf den Heiligen Berg, zum Benediktinerkloster Andechs, Bayerns ältester Wallfahrtskirche, hoch über dem Ammersee. Bis die Erlinger im Herbst das Wallfahren abschließen, hat der Berg eine Million Menschen gesehen. Echte Pilger melden sich in der Sakristei, das sind nur etwa 200 000 übers Jahr; die Mehrheit kehrt in Andechs ein, ohne Einkehr zu halten, macht sich auf den Weg, um den Durst des Leibes, nicht den der Seele zu löschen: Das blonde Spezial, der dunkle Bock der Klosterbrauerei sind in Bayern hochgerühmt. „Andechs“, stellte ausgerechnet Capital mit leichtem Vorwurf fest, „ist ein Bierkloster, in dem das Bier an erster, das Kloster an zweiter Stelle zu stehen scheint.“

Ein Traktor mit Milchkübeln rumpelt vorbei. Dann setzt der Zug sich in Bewegung, gerade hundert Leut’, am Schluß schreitet der Pater mit den zwei Ministranten. Und schon gibt’s Musik, und der Dirigent feuert die Blaskapelle an, die Zeigefinger streng erhoben, das Kinn leicht vorgeschoben. In der Andechser Straße zieht sich der Wallfahrtszug auseinander. Autofahrer hupen. Und die Mikrophonstimme des Paters schnarrt monoton: „... Seliger Rasso ... Seliger Rasso...bitt’ für uns ...“

Mit diesem Rasso von Dießen hat alles angefangen, er ist der Ahnherr des einst so bedeutenden Andechser Grafengeschlechtes, eines Geschlechts der Kreuzritter und Könige, der Bischöfe und Reichsfürsten und eines Geschlechts von starken, beeindruckenden Frauen – um 1000 herum aus rätselhaftem Dunkel aufgetaucht und schon 250 Jahre später wieder erloschen. Übrig blieb nur ein Schatz. Rasso, der legendäre Jerusalemfahrer, hat den Grundstock gelegt – zum Reliquienschatz von Andechs. Den Schatz gibt es heute noch.

Andechs überrumpelt. Selbst im Frühdunst hockt das Kloster so trutzig bucklig auf dem Berg, als sei’s in Wahrheit immer noch eine Grafenburg. Am geheimnisvollsten sieht Andechs aber aus, wenn man die Straße von Widdersberg kommt, so plötzlich steigt der Turm auf am Horizont, daß man meint, das Ganze müsse eine Sinnestäuschung sein, ein Bild, gemalt, geträumt, Und wenn, wie jetzt, an föhnwarmen Tagen, sich die gleißende Alpenkette heranschiebt, die Zugspitze fast so nahe wie das Kloster scheint und Andechs aussieht wie ein strenger, göttlicher Zeigefinger vor der weißen Herrlichkeit, dann weiß man genau, daß alles Spuk ist und die Kulissen Zauber, Föhnschwindel und Luftspiegelei... An diesen Tagen hat Andechs Hochbetrieb.

Dann trifft einen der Bierdampf in den Bräustuben wie ein Schock. Hier spielen die Bayern sich selbst, und als Fremder will einem scheinen, als würden sie dabei sehr übertreiben. Sitzen doch tatsächlich vor ihrer Maß, ohne daß Sonntag ist; grämliche Vor-si-hi-Sinnierer schweigen sich an, eingeschworene Gruppen lärmen und hauen auf den Tisch bis die Fäuste schmerzen. Sauna-Cliquen und Volleyball-Mannschaften, Trachtenvereine und Landtagsfraktionen, Leitungsleger der Isar-Amper-Werke, Punks und Polizisten, ganz alte und ganz junge Hunde, Liebespaare, Rennradfahrer. „Mir ham hier Minister g’sehen“, sagen die Tischnachbarn, „und die größten Baraver“, was so was wie Bahnhofspenner heißen soll, und die Rentnerin gegenüber sagt zum wiederholten Mal: „Mer is an armer Hund, wenn mer alloa is.“

Eben das aber bleibt man in Andechs nicht. Wer erst mal die Fegefeuer der Platzsuche, Warteschlangen, Selbstbedienung überstanden hat, der findet Gesinnungsgenossen. Ma redt’ miteinand. Die Themen sind breit gefächert, so lernt man, daß nicht zu viel Salz in die Küche gehört, aber Liebe im Leben nicht schadet, und dann kriagt der Hund unterm Tisch a Wasser: Dia Freud!