Einflußreiche Leute erklären, nicht dicke Bücher, sondern höchstens 200 Seiten, das sei „Literatur“! Mir kann’s vom Spannenden nie dick genug kommen. Welch eine Leselust, zum Beispiel in einem so riesigen Gebäude zu wohnen, daß man zu fürchten hat, man würde sich verlaufen und steht dann tatsächlich in Zimmern, in denen man früher schon mal gewesen ist – gerade so ist dieser Riesenroman gebaut –

Jan Graf Potocki: „Abenteuer in der Sierra Morena oder Die Handschriften von Saragossa“, aus dem Polnischen von Kurt Harrer; Haffmans-Verlag, Zürich, 1985; 941 S., 50,– DM. Mit dem Ich-Erzähler wandert man in die einsame spanische Hochebene und gerät in Labyrinthe, in die Puppe in der Puppe in der Puppe, trifft zwar immer wieder neue Figuren der gewöhnlichen wie der unheimlichen Art, doch ständig ist zu gewärtigen, daß diese Leute anfangen, aus ihrem Leben zu berichten und daß sie in ihrem Leben Menschen begegneten, die gleichfalls dazu neigten, ihren denkwürdigen Lebenslauf zu erzählen – man meint also, sich immer weiter vom Ausgangspunkt zu entfernen, stellt aber irgendwann fest, daß man im Kreis gegangen ist, findet in der Verschachtelungsmethode Ereignisse und Menschen wieder, die man schon zuvor getroffen und ganz anders geschildert bekommen hatte; die Kreise schließen sich, schneiden sich, ab und zu blättert man verwirrt zurück, holt sich Rat im klugen Glossar – und muß sich insgesamt wundern, wieso dieser großartige Roman so gut wie unbeachtet blieb, immer nur in Teilen ausgeschlachtet wurde.

1810 vollendet, müßte der Roman mindestens Goethe zu respektvollen Sentenzen bewegt haben oder die Romantiker. Zumal in all diesen Geschichten um Seeräuber und um frühe Mafiosi, um liebeshungrige Frauen, um Untergrundreligionen und um Armut, um Wunder und Greuel nie vergessen wird, über Religion wie Aufklärung Pointen und Fragen zu zünden.

Unvergeßlich etwa der Mann, der die Weltliteratur mit seiner Tintenproduktion bereichern wollte oder jener Mathematiker, der mit seiner Suche nach einer Weltformel auch vor der Erotik nicht haltmacht. Erotik ist freilich nicht nur in Formeln am Werk, sondern so praktisch wie libertär (immer zu dritt), so daß man zu ahnen beginnt, warum dieser Roman unter der Oberfläche bleiben mußte.

Gegen Ende, kann sein, verläßt den Autor vor seinem Riesenprojekt ein wenig die Kraft, einige Maschen hat er da fallenlassen, schade, nicht nur seinem ewigen Juden und seinem Mathematiker hätte ich gern viele weitere Seiten lang zugehört. Und es wunderte mich auch gar nicht mehr zu hören, daß Graf Potocki sich kurz nach der Fertigstellung des Buchs, wohl erkennend, daß dieser methodische Wahnsinn Fragment bleiben mußte, unter Migränen und Depressionen erschossen hat.

Jürgen Lodemann