Die meisten Unternehmen scheuen neue Modelle

Von Torsten Haeffner

An der „Flexi“-Front ist es ruhig geworden. Während Arbeitgeber und Gewerkschaften im Metallarbeitskampf 1984 einander noch mit Flexibilisierung respektive Verkürzung der Arbeitszeit reizten, sehen sie das Thema heute sehr viel gelassener an. Knapp zwei Jahre nach dem härtesten Arbeitskampf in der Metallindustrie und fast ein Jahr nach dem Inkrafttreten des seinerzeit ausgehandelten Manteltarifvertrages sind die Tarifparteien längst wieder zur Tagesordnung übergegangen.

Das Ergebnis des Streiks war die 38,5-Stunden-Woche, der erste Schritt auf dem Wege von der 40- zur geforderten 35-Stunden-Woche, mit dem sich die IG Metall zufrieden gab. Erhebliche Kopfschmerzen bereitete ihr aber die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall durchgesetzte Flexibilisierung der Arbeitszeit. Um, so das Argument der Arbeitgeber damals wie heute, die durch die Arbeitszeitverkürzung entstandenen Mehrkosten kompensieren zu können, müßten die Arbeitszeiten flexibler und die Betriebsmittelnutzungszeiten erhöht werden.

Plötzlich war wieder von Samstagsarbeit die Rede und in herkömmlichen Ein-Schicht-Betrieben dachte man über eine zusätzliche Schicht nach. Zahlreiche Modelle mitsamt umfangreicher Erläuterungen und Ermunterungen zur Flexibilisierung versandte der Arbeitgeberverband seitdem an seine Mitglieder. Doch von der Idee, die Arbeitszeiten in Bewegung zu bringen, bis zu deren Umsetzung scheint es ein weiter Weg zu sein – viele Unternehmer, vor allem kleine und mittelständische Betriebe, wollen davon nichts hören. Sie wissen zudem mit dem von Verbandsoberen Erdachten nur wenig anzufangen. Und so gibt es derzeit zwar viele Modelle und Möglichkeiten der Flexibilisierung, aber nur selten werden sie tatsächlich praktiziert. Am häufigsten rissen Unternehmen das starre Acht-Stunden-Schema für den Arbeitstag ein, indem sie sowohl im gewerblichen wie im produktiven Bereich die keineswegs neue Gleitzeit einführten, was sogar von der IG Metall gutgeheißen wurde und auch durchweg positive Erfahrungen brachte. Doch damit war für viele Betriebe die Grenze schon erreicht – obwohl der Manteltarifvertrag wesentlich mehr Möglichkeiten zur Arbeitszeitveränderung bietet.

Danach kann nämlich die individuelle regelmäßige Arbeitszeit der Arbeitnehmer unterschiedlich zwischen 37 und 40 Wochenstunden liegen. Lediglich im Durchschnitt des Betriebes muß die 38,5-Stunden-Woche eingehalten werden. Außerdem kann die individuelle regelmäßige Arbeitszeit ungleichmäßig auf die Werktage und Wochen verteilt werden. Ein Arbeitnehmer kann beispielsweise weiterhin 45 Stunden pro Woche arbeiten, wenn innerhalb von zwei Monaten genügend Freischichten eingeräumt werden, die das Durchschnittssoll von 38,5 Wochenstunden gewährleisten. Auch kann die tatsächliche Wochenarbeitszeit weiterhin vierzig Wochenstunden betragen, wenn die Arbeitszeitverkürzung durch freie Tage gewährt wird.

Doch die Vielfalt, die der Vertrag erlaubt, wurde von den Betrieben nur zum Teil ausgeschöpft. Wie das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum und das Institut für Soziologie der Universität Erlangen-Nürnberg in einer Studie zur betrieblichen Umsetzung des Manteltarifvertrages in der Region Nürnberg/Erlangen/Fürth feststellte, führten zwar zwanzig Prozent der dort ansässigen Betriebe neue Arbeitszeiten ein, betroffen waren jedoch nur 3,4 Prozent der Arbeitnehmer.