Der Krieg kam ohne viel Aufhebens, er war zu oft schon angekündigt worden, es war, als ob er sagen wollte: Ich komme, um euch zu beweisen, daß ihr euch auf mich verlassen könnt. Die Männer nahmen ihre Uniformen aus dem Kleiderschrank, schnitten sich die Nägel und hielten sich gähnend die Hand vor den Mund. Der Himmel über Paris verdunkelte sich, Taschenlampen im Nachtlokal. Man nahm den Krieg nicht ernst – nicht so ernst wie den Krieg gegen die Hitler-Gegner, die nun, durch den Nichtangriffspakt, wohl oder übel zu Verbündeten Hitlers geworden waren. Wohin mit ihnen, man hatte keine Zeit, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden, man räumte die Schlösser der Loire aus und umstellte sie mit Stacheldraht, in Paris wurde eine Fußballarena, das Stade Colombe, als Sammellager für die aus Deutschland Geflohenen gewählt.

Ich ging mit Gustav Regler durch das verdunkelte Paris. Regler war ein Aphoristiker, er sprach sprunghaft, in Aperçus. Er war ein Ästhet, der im Spanischen Bürgerkrieg beweisen wollte, daß er keiner war. Er schrieb eine männliche Prosa, er schrieb wunderbar beredsame, beschwörende, lyrisch bewegte Bücher. Nach Frankreichs Zusammenbruch und dem berüchtigten Lager von Le Vernet fuhr er nach Mexiko und sagte sich vom Kommunismus los. Er gehörte zu den Renegaten, die wie Ignazio Silone, George Orwell, Arthur Koestler, André Malraux sich aus Besorgnis um die condition humaine der Revolution zur Verfügung gestellt hatten und sie aus denselben Gründen wieder verwarfen. Ich besitze viele Briefe von Regler aus Mexiko, in denen er sich über den Haß der Genossen beklagt. Einmal schreibt er mir, er hätte eine Bombe in seinem Garten gefunden...

Damals, im verdunkelten Paris, war Regler noch kein Abtrünniger, er glaubte noch und folgte den Weisungen des Politbüros: „Ich denke nicht daran, Frankreich gegen den Faschismus zu verteidigen, so lange es nicht den Faschismus im eigenen Lande bekämpft.“ Ich liebte Regler. Worte wie diese warfen die von ihm später häufig erörterte Frage auf, bis zu welchem Grade ein denkender Mensch noch denken kann, wenn er glaubt.

Wir gingen in das Stade Colombe mit einer Decke und Proviant für vierundzwanzig Stunden und hofften, man würde uns nach Hause schicken, nachdem man unsere Papiere geprüft hatte. Wir trugen Halbschuhe und Sommeranzüge und warteten bis zum Abend. Als es dunkel wurde, legten wir uns auf die Steinbänke der Fußballarena und schliefen ein, und als wir am Morgen erwachten, teilte man uns mit, wir wären Gefangene und würden in Kürze abtransportiert werden. Wir gingen auf der Aschenbahn umher, lagen auf den Steinbänken, aßen drei Mal am Tage aus einer Konserve eine Leberpastete, die in alle Poren eindrang, das Gesicht verklebte, die Haare, die Hände, die Ohren. Wir wuschen uns in einem Eimer, der jeweils für zehn oder fünfzehn Leute bestimmt war, spielten Schach mit selbstgefertigten Figuren und setzten in Gedanken Eingaben an die Behörden auf, in denen wir gegen unsere Behandlung protestierten und sofortige Entlassung verlangten. Am zehnten Tage standen Autobusse bereit, die uns zum Gare d’Austerlitz beförderten, wo verschiedene Züge auf uns warten sollten. Ich sah Walter Benjamin mit seinem hinkenden Gang den Zug entlangkommen, und wir beschlossen, um jeden Preis zusammenzubleiben. Dann wurden die Wagen von außen verschlossen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Wir fuhren durch eine Landschaft voll von Erinnerungen, voll Erinnerungen an U., meine letzte Liebe. Dieselbe Landschaft, in der wir eben noch in der Mittagshitze uns auf offenem Feld umarmt hatten oder nachts in den Herbergen, wo man die köstlichsten Fische aß und den herben Wein der Loire trank.

Ich war ein verarmter König, der von seiner Maitresse beschenkt, ausgehalten wurde. Wir liebten uns unter den Erlen der Loire, im Halbdunkel der rue de Trocadero in Paris, wenn sie mit geschlossenen Augen ihr Leben aushauchte, in der Dämmerstunde eines zu Ende gehenden Tages. Sie liebte die späten Abendstunden, sie liebte Beethovens „Fünfte“ von Toscanini dirigiert, sie liebte den Eiffelturm, den sie vom Bett aus sehen konnte, ihren Hund David, der uns mit heraushängender Zunge zusah.

Der Zug hielt. Wir stiegen aus und begannen einen Marsch, der etwa eineinhalb Stunden dauern sollte. Benjamin fiel das Gehen besonders schwer. Er hatte inzwischen einen Jünger gefunden, einen jungen Mann, der ihn verehrte und ihm seinen Koffer auf dem Marsch abnahm. Gegen Abend kamen wir an einem völlig ausgeräumten Schloß an, in dem es nichts, aber auch nichts gab, keine Möbelstücke, keine Tische, keine Stühle, nicht einmal einen Nagel, an dem man’seine Sachen aufhängen konnte. Wir warfen uns erschöpft auf das nackte, gebohnerte Parkett und schliefen sofort ein. Stroh kam erst einige Tage später. Die nächste Zeit verbrachten wir damit, eine Latrine anzulegen und Wasch- und Duschmöglichkeiten für die 600 Insassen des Lagers zu schaffen. Ein Mann, der gerne gut aß, aber hier wenig Möglichkeiten haben sollte, seinen Neigungen nachzugehen, wurde zum Koch ernannt. Man versuchte, sich in der dem Chaos abgerungenen, eben sich bildenden Lagerwelt zurechtzufinden, die eine Art Zerrbild der wirklichen Gesellschaft war und doch denselben Gesetzen wie jene unterworfen zu sein schien, denn sofort gab es eine Auslese der Tüchtigen, sowie den Drang zur Organisation, zur Ordnung und Einordnung, wobei es im Wesentlichen darum ging, für die wichtigsten Funktionen die richtigen Männer zu finden.

Da Geld als Zahlungsmittel nicht in Frage kam, wurde eine Währung gefunden, die jeweils nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage bestimmt wurde. Ich schrieb meine ersten Lagergedichte in ein kleines Notizbuch, das ein Soldat eingeschmuggelt hatte und dafür entweder zehn Gauloises oder drei Nägel oder einen Bleistift verlangt hatte. Man konnte auch drei Gauloises gegen einen Nagel und einen Bleistift gegen vier Gauloises eintauschen. Benjamin hielt philosophische Vorträge im Freien und verlangte drei Gauloises pro Stunde oder einen Nagel oder einen Bleistift. Sein Jünger, der ihn nicht mehr aus den Augen ließ, hatte ihm unter einer Wendeltreppe, durch Vorhängen eines Kartoffelsacks, einen Schlupfwinkel eingerichtet, in den Benjamin sich zurückzog, wenn er nachdenken wollte. Dort fand auch unsere erste Redaktionssitzung statt. Benjamin hatte nämlich vor, dem Kommandanten eine Lagerzeitung in französischer und deutscher Sprache vorzuschlagen, aus der die Welt erfahren sollte, wer die Leute waren, die man hier eingesperrt hatte. In Wirklichkeit aber ging es ihm um etwas anderes.