in Mensch fliegt Er braucht kein Raumschiff dazu, keinen Fesselballon, keinen Raketenrucksack, er braucht keine Flügel. Der Mensch fliegt, senkrecht fast, in die Höhe; zurück bleiben des Wunders staunende Zeugen. Aus den nackten Füßen des Fliegers scheint eine bläulichweiße Rauchwolke zu quellen. Aber das ist wahrscheinlich eine optische Täuschung. Denn das Gemäuer ist alt, die Farben sind verwaschen – siebenhundert Jahre, nachdem Giotto den Himmelsflug des heiligen Franziskus auf die Wand der Basilika von Assisi gemalt hat.

Den Maler Giotto di Bondone (1266-1337) ereilte in den letzten Wochen eine Ehre, die Künstlern heutzutage gewöhnlich nur im Todesfall zuteil wird: Er trat auf in den Nachrichten des Fernsehens, und zwar mehrmals. Denn Giotto hatte einst den Kometen gemalt (unseren Kometen, versteht sich), als Stern von Bethlehem, und zwar mehrmals.

Das war ein historischer Fehler, wie wir heute besserwissen, aber das nehmen wir dem alten Maler nicht weiter übel. Nein, wir ehren ihn sogar auf die sinnigste Weise: Wir machen ihn zum Patenonkel für ein Raumgefährt, das zum Kometen fliegt, den Kometen photographiert. Dann vergessen wir Giotto schnell wieder. Aber welchen Giotto?

Denkt heute, vor Ostern, wirklich noch jemand an die grellbunt-verfremdeten Bilder, die uns Giottos Kamera neulich aus dem Weltall schickte, bevor sie im Staubhagel verschied – an jene zwar sonderbaren, den sentimentalen Normalmenschen aber eher ernüchternden Farbkleckse, elektronischen Spiegeleier? Der Komet (und unser Annäherungsversuch an ihn) – das waren Ereignisse für die Medien und gewiß noch mehr für die Wissenschaft. Das Herz bewegt, den Kopf erschüttert, die Welt verändert haben sie kaum. Da hofften wir, ins Weltall hinauszuschauen, und sahen, was wir so ähnlich immer sehen: Mattscheibe. Schon beginnen wir, Halley und Giotto und das ganze Kometengetue zu vergessen. Die Sensation von vorgestern! Der andere Giotto aber, Giotto der Erste, Giotto der Maler – er ist noch immer das Wunder von morgen.

Er hat den Kometen gemalt über der Hütte von Bethlehem. Er hat Engel gemalt, die gar nicht wie Engel aussehen (wie sehen Engel aus?), sondern wie phantastische Zwitterwesen aus Mensch und Vogel. Er hat seinen heiligen Franziskus über alle Gesetze der Schwerkraft triumphieren lassen: Franziskus fliegt, steht auf den Wolken, hält einstürzende Kirchen mit einer Hand – ein früher, christlicher Vorfahr all unserer schönen Supermann-Superfrau-Mythen.

Aber wichtiger als Giottos extraterrestrische Visionen und Bildermärchen war ein wahrhaft umstürzender Gedanke, ein historischer Schritt. Siebenhundert Jahre vor Giotto der Sonde beginnt mit Giotto dem Maler die Erforschung und Eroberung des Raums. Gewiß, Giottos Landschaften sehen manchmal etwas kindlich aus, die Berge, mit den kleinen grünen Bäumen, merkwürdig künstlich, wie aus Wachs oder Käse gemacht. Giottos Städte, mit den bunten, zierlichen Türmen, scheinen eher auf der Luft als auf der Erde gebaut.

Aber die ersten schwierigsten Schritte sind mit Giotto getan: Der Mensch erkundet seinen Stern – und bald auch die anderen. Schon Giotto der Maler, könnte man frivol behaupten, ist eine Raumsonde gewesen. Und immer noch ist er unter uns und lebendig – lebendiger jedenfalls als sein durch den Weltraum torkelndes Patenkind.