Drei Fernsehkameras übertrugen das schreckliche Bild aus der Zelle. Der Häftling trank einen Schluck Morgenkaffee, träumte sich auf und fiel zu Boden. Angeblich hörten Wächter ihn murmeln: „Man hat mich vergiftet.“ Eine tödliche Dosis Zyankali stellten die Ärzte fest. Michele Sindona, der größte Bankrotteur der italienischen Nachkriegsgeschichte, starb 48 Stunden später.

Mord oder Selbstmord? Wie konnte das in der am strengsten bewachten Zelle Italiens geschehen? Diese Fragen bewegen seit der vergangenen Woche Italiens Justiz, die Öffentlichkeit und vor allem die Politik so sehr, daß inzwischen der römische Justizminister Mino Martinazzoli seinen Rücktritt angeboten hat, falls die von ihm veranlaßten Vorkehrungen zur Sicherung des Gefangenen versat haben sollten. Möglichst noch diese Woche soll das Parlament Aufklärung über Sindonas Ende erhalten.

Fünf Schlüsselfiguren gab es bei den Skandalen, in die Sindona verwickelt war. Mit dem Zusammenbruch der Banca Privata Italiana 1974 fing alles an, es folgte die Aufdeckung der Geheimloge P 2 und schließlich der Bankrott des größten privaten italienischen Kreditinstituts, der Mailänder Banco Ambrosiano, im Jahre 1982. Von diesen fünf Drahtziehern, die Finanzen und Politik auf eine eigene Art mitbestimmten, sind jetzt zwei tot: Vor Michele Sindonas Ende wurde bereits der Ambrosiano-Präsident Roberto Calvi auf derart ungewöhnliche Weise aufgehängt unter einer Themse-Brücke in London gefunden, daß die britische Justiz einen Mord für wahrscheinlich hält. Nummer drei, Licio Gelli, der „verehrungswürdige Großmeister“ der verbotenen Geheimloge P 2, fiel zwar der Schweizer Polizei in die Hände, als er ein paar Dutzend Millionen Dollar, die der Banco Ambrosiano gehörten, von einem Konto in Genf abheben wollte, aber er brach aus dem eidgenössischen Gefängnis aus und wurde seitdem nicht mehr gesehen. Auch sein Adjutant Umberto Ortolani blieb verschwunden.

Der fünfte Mann schweigt. Er kann sich auf seine Immunität berufen. Schließlich ist dieser Mann, der aus Chicago stammende Präsident des vatikanischen Bankinstituts für Religiöse Werke Paul Marcinkus, ein Erzbischof. Er weigerte sich sogar mit Erfolg, vor einer Kommission vatikanischer Würdenträger Aufschluß über das Verhältnis der von ihm geleiteten Bank zur Banco Ambrosiano zu geben, obwohl der Vatikan – ohne Schuldanerkenntnis – eine Viertel Milliarde Dollar an internationale Banken zahlte, die im Vertrauen auf Patronatsbriefe des Instituts für Religiöse Werke bei Geschäften mit der Ambrosiano-Bank schwere Verluste erlitten hatten.

Der sizilianische Rechtsanwalt Michele Sindona hatte im Mailand der sechziger Jahre sein erstes Geld als Finanzier verdient und über den katholischen Zweig der lombardischen Hochfinanz Eingang in den Vatikan gefunden. Papst Paul VI. vertraute schließlich dem aufstrebenden erfolgreichen Geschäftsmann die Liquidation der päpstlichen Industriebeteiligungen in Italien an sowie die Umwandlung dieser Vermögenswerte in internationalen, vor allem amerikanischen Aktienbesitz. Sindona entledigte sich dieses strategischen Auftrags der Kirche zur großen Zufriedenheit des Heiligen Stuhls. Auch noch viel später, nachdem die Kirche mindestens achtzig Millionen Dollar durch den Zusammenbruch des Sindona-Imperiums verloren hatte, erklärte Erzbischof und Bankpräsident Faul Marcinkus, daß der Vatikan insgesamt mit Sindona mehr gewonnen als draufgezahlt habe.

Roberto Calvi lernte als Chef der gerade erst aufstrebenden, aus einer kleinen Bank des Mailänder Klerus hervorgehenden Banco Ambrosiano von Michele Sindona, wie man auf dem Euromarkt unkontrollierbare Schachtelbeteiligungen arbeiten läßt. Sindona, Meister der Verschachtelungstechnik, hatte inzwischen die Banca Privata Italiana und die Banca Unione in Mailand erworben. Man verkaufte sich gegenseitig mit Gewinn Unternehmensbeteiligungen.

Der Vergleichsverwalter der Banca Privata, Giorgio Ambrosoli, fand später zum Beispiel heraus, daß aus dem Verkauf der Pacchetti-Zitropo, die Sindona gehörte, mindestens hundert Millionen Dollar erlöst wurden, wobei 6,5 Prozent Vermittlungsgebühr an einen amerikanischen Bischof und einen Mailänder Bankier gezahlt wurden. Ambrosoli teilte dies wenige Tage vor seinem Ende den amerikanischen Justizbehörden mit.