Geliebter Killer:

„Das Messer“ von Richard Marquard Beredte Bilder: „Dust“ von Marion Hänsel

„Das Messer“ von Richard Marquard. Ob Mann oder Frau: Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Rechtsanwältin aus San Francisco; Sie sind fast vierzig, geschieden, haben zwei Kinder. Natürlich sind sie attraktiv – schließlich sind Sie Protagonistin in einer teuren Hollywood-Produktion –, gleichzeitig aber wissen Sie, daß Ihr Hintern in den letzten Jahren schwer geworden ist, Ihr Haar dünn, Ihre Einsamkeit so groß wie noch nie.

Und plötzlich haben Sie einen neuen Mandanten: Er soll seine Frau und ihr Dienstmädchen bestialisch abgestochen haben. Doch dieser Mandant sieht nicht nur wie der berühmte Filmschauspieler Jeff Bridges aus, er wird tatsächlich von ihm gespielt, sein Hintern ist rund und gerade richtig, sein Lächeln himmlisch und mit diesen beiden Details seiner Physiognomie überzeugt er sie davon, daß er niemanden ermordet hat, wiewohl er nun ein riesiges Vermögen von der Toten erbt, einschließlich einer der größten Zeitungen von San Francisco, die er als Chefredakteur bereits leitet; ein wenig intellektuell ist er also auch noch.

Jetzt stellen Sie sich das alles vor – würden Sie sich nicht ebenfalls an Stelle der einsamen Advokatin in den sexy Killer verlieben?

So geschieht es denn auch in Richard Marquardt manchmal bis zur Unerträglichkeit spannendem Thriller „Das Messer“: Die Anwältin Teddy Barnes verfällt zunächst förmlich dem scheinheiligen Jack Forrester, der so gewitzt war, daß er den Mord bewußt als eine rituelle Abschlachtung à la Charles Manson inszenierte und sich auch die Mühe machte, achtzehn Monate früher ein anderes Opfer, ohne es allerdings zu töten, auf gleiche Weise wie seine reiche Gattin zu mißhandeln: fesseln, Brüste und Unterleib verletzen, mit Blut das Wort „Hure“ an die Wand schreiben. Dadurch verschafft sich Jack Forrester ein Alibi, lenkt den Verdacht auf einen anderen und erwirkt für sich, mit Teddy Barnes’ brillanter juristischer Unterstützung, den Freispruch.

Erst hinterher findet Teddy die Wahrheit heraus. Und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als Jack, den geliebten Jack, der sich nun schnellschnell daran macht, sie auf die ihm eigene blutrünstige Art ins Jenseits zu befördern, – so bleibt ihr nichts anderes übrig, als Jack totzuschießen und sich zu fragen: Macht Liebe blind? Wir Singeis wissen das, wir sagen: ja. Maxim Biller