Von Reiner Luyken

Cleator Moor, im März

Im Aufgang zum Club of the Knights of St. Columba hängt eine aschfahle Jesusfigur am Kruzifix. Marienstatuen, Votivbilder und Gedenktafeln an Pilgerfahrten nach Lourdes schmücken die Wände in der Bar des Arbeiterklubs. So ein Arbeiterklub gehört zum Leben der englischen Arbeiterklasse wie baked beans und Rührei mit Schinken zum Frühstück. Aber die Religion?

Vermutlich sind es die Schranken der Natur – die Berge von Cumbria, die zerklüfteten Täler des Lake District und die stürmische Irische See –, die den Landstrich um Cleator Moor und Egremont als streng katholische Enklave überdauern ließen. Alle Anfechtungen des grimmig-protestantischen Schottland im Norden, auch der Druck der anglikanischen Hochkirche vermochten daran nichts zu ändern. Vielleicht haben gerade diese Anfechtungen die Menschen in der entlegenen Küstenlandschaft zu einer Gemeinschaft geformt, die heute unverbrüchlich zusammensteht wie zu jener Zeit, als Katholizismus auf der Insel noch ein Stigma war. In diesen Tagen sind es freilich keine fanatischen Reformatoren, die den Leuten von Cleator Moor zu Leibe rücken.

Die Feinde kommen auch heute von außen, von jenseits der Berge. Sie heißen Greenpeace, Presse und Fernsehen. Das Schandmal der Männer von Cleator Moor: Sie arbeiten in der Atomindustrie. Ihr Gewerbe ist in Verruf geraten, verfemt selbst in der eigenen Partei, der Labour Party.

"Plötzlich ist es uns wie Schuppen von den Augen gefallen", erbost sich Bill Maxwell. "Man will uns unsere Lebensgrundlage rauben." Maxwell ist Betriebsratsvorsitzender in der berüchtigten Atomfabrik Sellafield und im St. Columba Club ist er ein respektierter Mann. Denn um Sellafield dreht sich heute das ganze Leben der ehemaligen Bergarbeitergemeinden an der Küste der Irischen See. In dieser Woche fährt die letzte Schicht in die Grube Haig Colliery in Whitehaven ein. Nächste Woche wird König Kohle auch hier sterben. Der Schmutz und das Elend in den Gruben, die silikosezerfressenen Lungen, die im Schlagwetter zerschmetterten Glieder, die langen Leichenzüge wie nach der Tragödie im Jahr 1947, als 104 Kumpel in der Haig Colliery ums Leben kamen – all das gehört dann endgültig der Vergangenheit an.

Bill Maxwell entschied sich freilich schon als junger Mann "aus freien Stücken", wie er versichert, dem traditionellen Bergarbeiterdasein Ade zu sagen. Im Jahr 1946 hat in Cumbria die Ära des Atoms begonnen, die Ära einer neuen Industrie, die ungeheure Mengen Energie zu erzeugen versprach, ohne daß Menschen wie Maulwürfe in finsteren, stickigen Löchern das Gestein aus dem Schlund der Erde brechen mußten. Eine saubere Energie, eine lichte Zukunft stand bevor – auch wenn der erste kommerzielle Atommeiler der Welt hier im Jahr 1954 den Betrieb nur deshalb aufnahm, um Plutonium für die ehrgeizige britische Atomrüstung zu brüten.