Helmut Ortner (Hrsg.): Keiner fragt, Politiker antworten. Jugendliche zum ‚Dialog mit der Jugend‘; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1985; 211 S., 9,80 DM.

Der Titel ist zwar ulkig, aber irreführend. Die Sammlung zeigt, daß einige der darin publizierten jungen Leute zwischen 14 und 25 sehr wohl fragen, und daß es „die Politiker“ sind, die nicht oder unzulänglich antworten. Allerdings bestehen die Mitteilungen der meisten Jugendlichen in Vorwürfen. Der Herausgeber, der im Nachwort unterstellt: „Gewünscht wird die Wende-Jugend: pflegeleicht, keimfrei und karrierebewußt“, hat offenbar im Rundfunk schon unter dem Ulk-Titel um Zuschriften gebeten und vorwiegend dementsprechende erhalten. Aber ohnehin mobilisieren Herz und Galle ja mehr Briefschreiber als der Verstand, das ist bei Erwachsenen nicht anders.

So geht es denn, in diesem Band, mit (und ohne) Witz und Wucht gegen die Politiker schlechthin. Sie sind „Götter des Bösen“, sind „Heuchler, Schleimer, Gauner“, „Wortbrüchige, Geschmierte und Kriegstreiber“, die auf Fragen von Jugendlichen „mit Tränengas und Gummiknüppeln“ antworten. Selbst eine der wenigen umpolemischen Äußerungen der Sammlung wehrt sich zwar „gegen eine Pauschalierung der heutigen Jugend“, aber – ebenso pauschal – „durch Euch Politiker“. Und die Einsicht, daß „Politiker auch nur Menschen“ sind und dazu noch unterschiedliche, kommt auch etwas zu kurz.

Einige Ausnahmen fallen auf, so der 17jährige Steffen mit seinen handfest-praktischen Vorschlägen, wie denn da nun tatsächlich mal ein bißchen Dialog hergestellt werden könnte: „Die Parteien sollten endlich einmal wieder richtige Basisarbeit leisten, d. h. in Schulen und an den Universitäten Veranstaltungen organisieren, in denen dann wirklich Jugendliche fragen und Politiker antworten‘. Sie müßten dann aber fähige und informierte Leute zu diesen Veranstaltungen schicken, die die jeweilige Meinung einer Partei zu einer bestimmten Sachfrage ... deutlich von der Meinung einer anderen Partei abgrenzen können, so daß sich die Zuhörer sowohl informieren als auch eine eigene Meinung bilden können ... Dadurch würden dann auch die Politiker etwas dazulernen, nämlich ... richtig zu diskutieren, im Gegensatz zu den Scheindiskussionen vor und nach Bundestags- oder Landtagswahlen im Fernsehen ...“

Die Neigung zu Scheindiskussionen und zu wahrhaft basisfernen Formulierungskünsten von Politikern wird allgemein kritisiert: Sie machen uns und sich gegenseitig etwas vor, und man versteht sie nicht. Wie berechtigt diese Kritik ist, liegt auf der Hand. Sie gilt genau der persönlichen und damit auch politischen Glaubwürdigkeit, über die in Bonn so viel geredet und um die so gebangt wird.

Nachplapperei wirkt bei Jugendlichen nicht origineller als bei Erwachsenen, aber gute Gedanken, überlegte Kritik, vernünftige Vorschläge sind wohl, auch keine Altersfrage. Allerdings sollten Politiker und wir alle sicherlich die besondere Verletztlichkeit sehr junger Leute bedenken, wie sie sich in dem Beitrag der 15jährigen Tanja ausdrückt:

„Wie ist die Jugend: aufsässig oder einfach engagiert? frech oder einfach direkt? verweichlicht oder einfach besonnener? ... hat keinen Respekt vor dem Alter – oder vergilt sie nicht einfach gleiches mit gleichem? ... schlampig – oder sind für sie innere Werte einfach wichtiger als Äußerlichkeiten? So, und jetzt sag mir, wie die Jugend ist. Aber ... sehen ist nicht wissen. Hören ist nicht verstehen. Um den ‚Generationskonflikt‘ zu lösen, hilft nur REDEN, TOLERANZ und ZUHÖREN!“ Gerd Klepzig