Paris, im März

Früher erschallten die Warnrufe, heute schreibt man vorschnell Nachrufe. Vor der Kommunistischen Partei fürchtet sich niemand mehr in Frankreich, der Mythos ist hin, die Aura ging verloren. Wo einst die Macht der Kommunisten Angst einflößte, weckt jetzt die Ohnmacht der KPF Schadenfreude, mitunter auch so etwas wie Mitleid. Das Interesse hat sich verschoben. Es geht längst nicht mehr um die Frage, was die Partei in der französischen Politik bewirken kann, sondern nur noch darum, wie sie mit den eigenen Problemen fertig wird.

"Wir wollen die Partei retten", sagen immer mehr Reformer, die sich bisher vergeblich mit der unnachgiebigen Führungsriege anlegten. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung verfehlten die französischen Kommunisten das bescheidene Ziel, nicht unter zehn Prozent zu fallen: Am 16. März 1986 erzielten sie annähernd dasselbe Ergebnis wie bei den Wahlen am 11. Mai 1924, dreieinhalb Jahre nach der Parteigründung; mit 9,8 Prozent ist die KPF heute also dort angelangt, wo sie vor sechs Jahrzehnten anfing. Die traditionsreiche Partei entsendet in die neue Kammer nur 35 Abgeordnete, dieselbe Zahl wie die erst 1983 aus der Bedeutungslosigkeit entwachsene Nationale Front des Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen.

Welche Beschämung ist das für die einst so stolze KPF, die in der Zeit der Résistance den höchsten Blutzoll entrichtete und so viel Ruhm erwarb, daß die Teilnahme kommunistischer Minister an den ersten von General de Gaulle gebildeten Regierungen als eine Selbstverständlichkeit angesehen wurde! Den Zenit erreichte die Kommunistische Partei im Jahre 1946, als sich bei den Parlamentswahlen 28,6 Prozent für sie entschieden.

Der Niedergang verlief nicht kontinuierlich. Ein plötzlicher Einbruch erfolgte erst 1958, als die Partei von 26 auf knapp 19 Prozent sackte; es war der erste Wahltermin zwei Jahre nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands durch sowjetische Truppen. Danach erholte sich die KPF; während der nächsten zwei Jahrzehnte wurde die Zwanzig-Prozent-Marke nicht mehr unterschritten. Indes kam es 1981 wieder zum Debakel. Während die Sozialisten ihren Triumph erlebten, stürzten die Kommunisten auf 16 Prozent.

Nun gerieten sie in den freien Fall: elf Prozent bei den Europa-Wahlen 1984, jetzt schließlich 9,8 Prozent bei den Wahlen zur Nationalversammlung. Die Kommunistische Partei hat nur noch in drei französischen Departements einen Stimmenanteil von 20 Prozent – vor zehn Jahren waren es noch 45 Departements. Die Zahl der Mitglieder verringerte sich von 800 000 auf 610 000. Aber die offiziellen Angaben sind mit Vorsicht zu bewerten. Abgesprungene Parteifunktionäre schätzen den tatsächlichen Mitgliederbestand auf allerhöchstem 350 000 ein. Nicht minder beunruhigend ist der Schwund der kommunistischen Gewerkschaft CGT (Confédération Generale du Travail). Binnen zehn Jahren ging die Anzahl der eingeschriebenen CGT-Gewerkschafter von zwei auf 1,2 Millionen oder sogar noch weniger zurück.

Heute stimmt in Frankreich lediglich jeder fünfte Arbeiter für die Partei der Arbeiterklasse. Längst vor der großen Masse haben sich die Schriftsteller und die Künstler von der KPF entfernt. Einst übte sie Anziehungskraft auf André Gide, André Malraux oder Picasso aus; nun ist sie intellektuell ausgezehrt. In ihren Reihen zählt sie kaum noch eine namhafte Persönlichkeit des Geisteslebens. Seit dem "Solschenizyn-Effekt" und der reichlich späten Entdeckung des Gulags Mitte der siebziger Jahre, seit dem Auftreten der Neuen Philosophen ist die überwältigende Mehrheit der französischen Intelligenz antimarxistisch und antisowjetisch. Die Reaktion war um so heftiger, als viele Literaten zuvor die Augen vor der Wirklichkeit des Totalitarismus verschlossen hatten und jäh vom schlechten Gewissen überwältigt wurden.