Im Alstermoor bin ich ihnen zum erstenmal begegnet. Sie machten auf sich aufmerksam, indem sie sich in die Luft warfen, im Sturzflug herniederschossen und dazu unablässig schrien. Der Wirbel, den sie veranstalteten, sollte den Eindringling von den Nestern fortlocken. Es war Brutzeit, und von dem Pfad aus, der sich durch die Wiesen schlängelte, waren die auf den Nestmulden brütenden Vögel zu sehen. Blauer Himmel, ein strahlend schöner Tag, ich strebte der Wohldorfer Schleuse zu, um von dort aus wieder in das Hamburger Lazarett zu kommen, das ich vierzehn Tage vorher verlassen hatte. Man schrieb den 8. Mai 1945. Seither gehört zum Frühling für mich der Kiebitz.

Der Bestand der Kiebitze ist noch nicht bedroht, doch geht ihre Zahl, wie es scheint, von Jahr zu Jahr zurück. Es gibt immer weniger feuchte Wiesen, die der Kiebitz als Nistplatz bevorzugt, und die intensivierte Bewirtschaftung auch des Graslandes hat dazu geführt, daß viele Gelege durch Landmaschinen, aber auch durch Weidevieh, zerstört werden. Obwohl es seit Jahrzehnten verboten ist, werden wohl auch noch immer Kiebitzeier gesammelt und als Delikatesse verkauft.

Der Kiebitz ist etwas größer als eine Taube; sein Gefieder schimmert blau-grün-metallisch. Ausgezeichnet ist er durch einen Schopf, der beim Männchen etwa zwölf Zentimeter und damit doppelt so hoch ist wie beim Weibchen. In Deutschland ist der Vogel vor allem auf den Marschwiesen am Rande der Nordsee zu Hause. Die ersten Kiebitze treffen oft schon Ende Februar aus ihren Winterquartieren, die an der Atlantikküste von Südfrankreich bis Nordafrika liegen, ein. In der Regel aber ziehen sie in großen Schwärmen. In der Wedeler und Haseldorfer Marsch wurden Anfang dieses Jahrzehnts noch viertausend Kiebitze gezählt. Auf den Sylter Wattwiesen dürften es kaum weniger sein. Ich habe über viele Jahre hin von Ende Februar bis Mitte März auf einem Acker am Rande der Voreifel beobachten können, daß dort auf einer Fläche von 600 mal 800 Meter, jeweils drei bis vier Tage lang, ein Schwann von etwa fünfzehnhundert bis zweitausend Kiebitzen anzutreffen war. Es war immer derselbe Acker, der auf der Flugroute offenbar die Funktion eines Zwischenlandeplatzes hatte.

Neben Frühjahrs- und Herbstzug gibt es den sogenannten Frühsommerzug, der stets am Tage stattfindet. Nach der Brutzeit, oft schon Ende Mai, verlassen Tausende Kiebitze das Nistgebiet und ziehen nach Südwesten. Der normale Herbstzug findet statt von September bis – wenn die Witterung es erlaubt – in den späten November hinein, wobei die Vögel nach meiner Beobachtung zum Zwischenaufenthalt dieselben Plätze aufsuchen wie im Frühjahr, wenn sie nach Norden ziehen.

Der Kiebitz ist nicht nur in den Marschwiesen zu Hause, er ist über ganz Deutschland verbreitet, wenngleich er dort, wo die Bedingungen halbwegs gegeben sind, stets nur in kleineren Kolonien anzutreffen ist. So gab es Anfang der siebziger Jahre noch neun nistende Paare in der Nähe des Hafens von Trier. In der Schweiz wurden vor etlichen Jahren noch 33 Kolonien gezählt, eine davon in der Nähe des Zürcher Flughafens. Auf dem Radarschirm haben die Zürcher Fluglotsen damals an einem trüben Tag ein unbekanntes „Flugobjekt“ geortet. Hubschrauberpiloten, die aufstiegen, um dieses mysteriöse Objekt auszumachen, stellten fest, daß es sich um etwa 150 Kiebitze handelte, die mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern in der Stunde von Südwesten nach Nordosten flogen.

Der Vogel ist für mich einer der schönsten, und ohne seinen Ruf „Kiwitt, Kiwitt“ ist, wie ich meine, der Frühling am Rande der Nordsee nicht vorstellbar.