Das Leben ist furchtbar anstrengend hier – psychisch. Viele unserer Freunde sind verhaftet, und aus den Townships hören wir Schreckliches. Am liebsten würde ich mich so in der Arbeit verkriechen, daß ich nichts mehr fühlen kann. Aber diese Art von Verdrängung geht halt nicht, wenn Du Kinder hast.

Die Situation ändert sich täglich. Unglaubliches geschieht. Wir haben hier einen Krieg gegen Kinder. Wo immer Kinder in Gruppen zusammen sind, kommt die Polizei in ihren Fahrzeugen und droht: „Wenn ihr nicht sofort auseinandergeht, schießen wir“ ... und dann wird tatsächlich geschossen. Oft provoziert die Polizei. Zum Beispiel bei den Schüssen in Athlone. Der Transportlaster fuhr mehrmals auf und ab, bis ein Junge die Nerven verlor und einen Stein warf – die Umzugskisten öffneten sich, und die darin versteckten Soldaten schossen. Ihr habt das ja wohl im Fernsehen gesehen.

Seither werden die Journalisten scharf kontrolliert, sogar verhaftet. Das Ausland wird immer weniger erfahren. Ein Krieg gegen Kinder: Freunde aus den Townships erzählen uns, daß Polizei und Militär systematisch die Häuser durchsuchen, die Türen aufbrechen – und nach Kindern suchen.

Die werden dann mit dem Sjambok ausgepeitscht oder mitgenommen. Kinder – das sind Zehn-, Zwölf-, Vierzehnjährige. Aber auch die Kleineren rennen in Panik davon, wenn ein Casspir oder Hippo, Panzerwagen, in die Straße einfährt. Wer aber rennt, ist verdächtig. Und dann wird geschossen. Fast alle Opfer haben die Einschüsse im Rücken.

Wir haben den Kindern unserer Hausangestellten einen richtigen Lederfußball geschenkt. Sie spielten damit auf einem freien Stück Feld am Rand von Nyanga. Gestern hielt ein Polizeiwagen an – „Was macht ihr hier! Geht sofort in eure Häuser, sonst erschießen wir euch!“ Die Kinder rannten und versteckten sich. Die Polizei hinterher. Der Sohn unseres Nachbarn wurde dann von der Polizei ausgepeitscht. Aber nicht nur das: Sie drückten der Mutter die Peitsche in die Hand und verlangten von ihr, daß sie ihr Kind auspeitschen sollte.

Jetzt dürfen die Kinder nicht einmal mehr Fußball spielen. Dabei sind die Township-Häuser so eng aneinander gebaut; kein Hof oder Garten liegen dazwischen. Eine Mutter aus Mitchells Piain erzählte mir, daß ihre Kinder sich gar nicht mehr ins Freie trauen. Sie haben Angst, hinter dem Haus zu spielen. Vor ein paar Wochen wurden drei Kinder erschossen, die aus reiner Neugier auf die Straße gerannt waren.

Wir haben bis jetzt immer in Athlone eingekauft mit unseren Kindern und nicht in unserem weißen Viertel, weil wir uns am Boykott der weißen Geschäfte beteiligen. Im Augenblick aber ist es zu gefährlich. Wenn die Polizei nämlich das Feuer eröffnet wegen irgendeines „verdächtigen“ Vorgangs, wird auf weiße Mütter und ihre Kinder bestimmt keine Rücksicht mehr genommen. Die Vorstellung, es passiert etwas und A. sitzt allein angeschnallt hinten im Kindersitz, während ich das Auto noch irgendwie steuern muß ... ein Alptraum!