Von Klaus Viedebantt

Freunde britischer Lebensart schätzen ein Glas Wight Wine. Ein Druckfehler? Nein, die Isle of Wight hat in der Tat ihren eigenen Wein. Auf drei Gütern wächst ein herber weißer Tropfen, der an eine große Weinbautradition erinnert. Die alten Römer, die im zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt die große Insel vor der englischen Südküste eroberten, brachten die Reben vom Mittelmeer mit. Seinerzeit, so glauben die Klimahistoriker, sei es spürbar wärmer gewesen am Ärmelkanal, aber auch heute noch gedeiht der Wein – kein Wunder, die Insel gilt als der sonnenreichste Fleck auf den Britischen Inseln.

Zumindest was die britische Beliebtheitsskala angeht, ist die Isle of Wight auch eine Ferieninsel ersten Ranges. Sie lebt von Urlaubern, und deshalb lebt sie auch nur auf zwischen dem späten Frühling und dem frühen Herbst. Im Hochsommer sind die Fähren von Portsmouth, Southampton und Lymington überfüllt, auf der Insel selber geht es rund: Lärmende „Amüsement Parks“, ratternde Automaten, Spielsalons, Bingo-Hallen, Seebrücken mit Pavillons und Fish-’n’-Chips-Stände haben Hochbetrieb.

Die Strände, insbesondere die von Sandown und Shanklin, sind im Juli und August rappelvoll. Aber aus Deutschland fährt ohnehin kaum jemand ausschließlich zum Baden nach England – zumal Wight weit mehr zu bieten hat als Wasser und Strand.

Die Insel steckt voller Geschichte, freilich bleibt vornehmlich das Blutrünstige, das Traurige in Erinnerung. Für diesen Part sind die Wikinger zuständig, die Ende des 9. Jahrhunderts erstmals einfielen und fast 170 Jahre lang regelmäßig wiederkamen, mordend und brandschatzend. Kein Ort, den die räuberischen Horden nicht heimgesucht hätten.

Nach 1066, als die Normannen die Herrschaft übernahmen, waren Wight ein paar leidlich ruhige Jahrhunderte beschieden. Im 14. Jahrhundert dann wollten die Franzosen ihren normannischen Brüdern weder die kleine Insel Wight noch die große Insel Britannien mehr gönnen. Die meisten Invasionen vom Kontinent wurden zwar abgewehrt, aber zahlreiche Überfälle französischer Schiffsbesatzungen machten das Leben schwer auf diesem so exponiert im Channel gelegenen Eiland. Sogar der Haupthafen in Newton mußte verlegt werden, ins Landesinnere nach Newport, das über den schiffbaren River Medina erreichbar war.

1377 gelang den Franzosen schließlich die Eroberung von Wight, sie brannten die Festung nieder. An den Mauern von Carrisbrooke Castle jedoch scheiterten die Invasoren nach längerer Belagerung. Die normannische Burg, errichtet auf den Grundmauern eines römischen Kastells und mittlerweile eine Ruine, ist das beeindruckendste mittelalterliche Bauwerk der Insel. Hier residierten ihre Herrscher und Gouverneure, hier lebte Prinzessin Beatrice, die Frau des Prinzen Henry von Battenberg, 55 Jahre lang bis zu ihrem Tod 1944. Ihr Verwandter, Lord Mountbatten (1979 von irischen Attentätern ermordet), hatte hier ebenfalls seinen Amtssitz als Insel-Gouverneur. Der berühmteste Bewohner der Festung war sogar ein leibhaftiger König – Charles I. Er kam allerdings als ein unfreiwilliger Gast: Seine Gegner hatten ihn unter Arrest gestellt; nach zwei vereitelten Fluchtversuchen mußte Charles wieder zurück auf die Hauptinsel Britannien. Zwei Monate später, im Januar 1649, wurde er in Whitehall exekutiert.