Von Elsemarie Maletzke

Puppen-Marei" läßt sich Diethild-Marei Seyd gern nennen. Photos zeigen sie auf einem Fransensofa sitzend, umgeben von acht ihrer vielen Puppenkinder, eine mit offenem Mund zur Decke starrende Rotblonde auf dem Schoß; die ganze Gesellschaft allerliebst in Rüschen, Schleifen und Blumenschmuck. Frau Seyd ist Ende vierzig, und es geniert sie nicht im geringsten, wenn manche Leute von ihr glauben, sie habe einen Sprung in der Schüssel. Sie liebt Puppen, sie spielt mit Puppen, sie hat ihr kleines Bauernhaus mit Puppen vollgestopft, und man fragt sich, wo Mann und Sohn einen puppenlosen Winkel gefunden haben. Halb Ober-Elsaff im Westerwald steht in ihren Puppen-Handlangerdiensten, und in Wochenendseminaren lehrt sie zehn Frauen das Bemalen von Puppenköpfen aus Biskuit-Porzellan. Puppen-Marei – auch dieser Name stammt von ihr, vorgetragen mit gerade soviel Koketterie und Selbstironie, daß er wahre Liebe, Spleen und Geschäftstüchtigkeit auf das glaubhafteste verbindet.

Nun ist das Sammeln alter Puppen alles andere als eine kindische Beschäftigung, sondern im Regelfall ein teurer Spaß. Echte französische Jumeau-Puppen aus der Zeit um 1890 bringen es im Handel auf 12 000 Mark, "mein Liebling" von Kämmer & Reinhardt aus Thüringen sogar auf 25 000 Mark. Schätzchen dieses Kalibers hat Frau Seyd in ihren Privaträumen versammelt. Dem Puppenseminar im ehemaligen Kuhstall sind die Reproduktionen vorbehalten – ein Raum zwischen Werkstatt und Zwergenfundus. Borde mit leeren Köpfen, Stangen voller Kleider – und Puppen, Puppen in jedem Winkel, auf jedem Fensterbrett.

Es sind Abgüsse von Modellen der Jahrhundertwende, Köpfe der Fabrikate Kestner, Steiner, Kämmer & Reinhardt, SFBJ, Heubach oder Armand Marseille. Diese Hänse und Greten, Hildas, Googlies, Pouties und Moniques können natürlich keinen Sammler über ihren wahren Wert hinwegtäuschen. Ihre Köpfe sind als "replicat" markiert, ihre Gliederkörper stammen aus Taiwan. Sie sind hübsch mit ihren Kirschmündchen, Kinngrübchen, die Französinnen mit Augenbrauen wie kleine Maderschwänze und eisblauen Glitzeraugen – und es wohnt ihnen offenbar ein größerer emotionaler Wert inne. Denn während das Wirken in Ton und Salzteig als Hobby weitgehend abgewirtschaftet hat, hat Puppenporzellan Hochkonjunktur. Frau Seyds Wochenendseminare sind rund ums Jahr ausgebucht. In der Nachbarschaft bietet bereits eine zweite Puppenmacherin Bastelkurse an.

Was macht Frauen zu Puppenmüttern? Was bewegt erwachsene Menschen, sich ein Spielzeug zu basteln, mit dem sie doch nicht spielen werden? Das zu Hause in der Nostalgie-Chaise sitzt und von den Kindern nicht angerührt werden darf?

Die Antwort aus der Selbstbedienungskiste der Psychologie ist reine Spekulation: Die sieben Frauen, die sich am Samstag um 11 Uhr an den ovalen Tisch in der Werkstatt setzen, brauchen keine Ersatzkinder. Sie haben meistens selber welche, richtige, freche. Auch eine pensionierte Lehrerin ist dabei, die in ihrem Leben genug Bälger um sich gehabt haben dürfte. Sollen es hier nun die Traumkinder, die Selbstgebackenen werden? "Es macht mir einfach Spaß", wehrt eine junge Arztfrau aus Mönchengladbach ab. Sie steht bezaubert vor einem Körbchen, in dem ein Baby mit heufarbener Zottelperücke und Spitzenkleidchen liegt. So eines will sie auch haben. Moses soll es heißen. Die Lehrerin entscheidet sich für ein, "Googly"-Mädchen mit verdrehten Kulleraugen. Eine Stewardeß, die ihre beiden kleinen Kinder übers Wochenende bei der Oma gelassen hat, will "einen richtigen Lausbub". Selbst ich, die ich mir in zurechnungsfähigem Alter noch nie ein Kind gewünscht habe, bin hin- und hergerissen zwischen einem verträumten Zopf-Gretchen und einer stolzen Else.

Früher, sagt Frau Seyd, habe sie den Frauen bei der Auswahl des Modells ganz freie Hand gelassen. Allerdings habe sich dieser Prozeß manchmal über Stunden hingezogen, und nun leistet sie diplomatisch Hilfestellung. Für eine Dame, die sich einfach nicht zwischen einem Jungen und einem Mädchen entscheiden konnte, hat sie den Puppenrumpf auf dem Photokopierapparat "geröntgt" und ihm vorher ein Stückchen Puppenzunge zwischen die Beine gelegt. Soweit wird es an diesem Wochenende hoffentlich nicht kommen.