Von Barbara Lehnig

Monsieur Dupont nimmt sachkundig und genußvoll Witterung auf. Die verstaubte Flasche hat ihr Aroma nach über 40 Jahren freigegeben. Dupont schüttet einen Schluck Flüssigkeit in seine erdverschmierte Rechte, verreibt ihn mit rascher Waschbewegung und steckt die Nase tief in die duftende Höhle seiner Hände. Das lange „Ahhh“ mag ein wenig für die fremden Besucher inszeniert sein, doch die Zufriedenheit ist nicht gespielt. Der Mann versteht sein Handwerk. Schließlich ist für die Duponts auf ihrem Hofgut im Departement Calvados der Calvados seit 1832 einträgliches Lebenselixier.

Die Hessen mögen verzeihen: „Das Beste, was ein Apfel werden kann“, ist nicht ausschließlich Apfelwein. Für Franzosen ist die „höchste Stufe des Apfels“ auch nicht Cidre, sondern Calvados. Und für einen Normannen muß des Äpfelchens Endprodukt schon aus dem Calvados-Gebiet Pays d’Auge kommen.

Gegen Ende April beginnt hier die Obstbaumblüte. Drei bis vier Wochen lang ist dann diese an sich schon liebliche Landschaft überzogen mit einer verschwenderischen Fülle von Apfel-Blütenträumen. Der Nobelort Deauville schlägt zum Zeichen seines Frühlingserwachens die hölzernen Fensterläden auf. Noch leicht benommen vom Winterschlaf bereitet sich das Seebad vor auf seine nächste Saison als das „21. Arrondissement von Paris“.

Was sind schon 200 Kilometer Entfernung. Ein Ort, der als „Création“ eines Halbbruders von Napoleon III. entstand, weiß, was er sich und seiner kurzen Geschichte schuldig ist. In den so traulich anmutenden Fachwerkhäusern bester normannischer Tradition logieren Boutiquen, breiten ihr schwindelerregend teures Angebot an Haute Couture, Schmuck und Sommerpelzen in den Schaufenstern aus.

Der weite Sandstrand wird gesäubert. Die Schwimmbäder werden mit Meerwasser gefüllt und die blanken der berühmten „Promenade des Planches“ abgeklopft auf ihre Tragfähigkeit als Bretter, die für „tout le monde“ die Welt bedeuten. Maler wie van Dongen haben die aufgekratzte Atmosphäre auf diesem Laufsteg rund um die „Bar du Soleil“ faszinierend und zugleich entlarvend festgehalten.

Die Gästeliste des nicht einmal sechstausend Einwohner zählenden Deauville liest sich wie eine Mischung aus Gotha und Hollywood-Star-Kalender. Eduard VIII., Maurice Chevalier, Aga Khan, Sacha Guitry, Soraya, Omar Sharif ... „Man“ fährt im Sommer eben nicht irgendwohin ans Meer, sondern nach Deauville und mischt sich möglichst auffällig unter den Adel von Geburt und Geld zwischen Golfplatz, Rennbahn und Yachthafen. Das Casino prunkt comme il faut mit Kristallüstern und Plüsch. Zu den Reichen, die sich hier ruinierten, zählt auch ein gewisser Monsieur Citroën. Das Meer rauscht, die Kugel rollt sacht, die elegante Enklave bleibt durch ein Verbot vom vulgärem Geräusch der Glücksspielautomaten verschont.