Von Christoph Bertram

Ottawa, im März

John Holmes, ein weiser alter Hase der kanadischen Außenpolitik und ehemaliger Berater des vielleicht bedeutendsten kanadischen Premierministers der Nachkriegszeit, Lester Pearson, sitzt in einem kleinen Büroverschlag im Kanadischen Institut für Internationale Politik in Toronto und hat ein Problem. Sein Buch über die mal turbulenten, mal harmonischen, immer empfindlichen Beziehungen zwischen Kanada und der Supermacht im Süden, erschienen unter dem schönen Titel "Mit dem Onkel leben", soll ins Japanische übersetzt werden. Und Holmes erhält gelegentlich per Telex Hilferufe seines japanischen Übersetzers. Wie soll denn nur der schöne Gag aus einer Radiosendung der fünfziger Jahre ins Japanische übertragen werden, als der Quizmaster verlangte, die Teilnehmer sollten "Chauvinismus" definieren: "There is no vinism like chauvinism?"

Immerhin, das Interesse aus dem fernen Asien zeugt von dem Wunsch anderer Verbündeter der Vereinigten Staaten, sich bei ihren Sorgen über das Verhältnis zur westlichen Weltmacht von den angeblich in diesen Dingen erfahrenen Kanadiern, den engsten Nachbarn Amerikas, beraten zu lassen – so als ob geographische Nähe immer die beste Voraussetzung für psychologische Einfühlsamkeit wäre. Auf eine ähnliche Frage de Gaulles hatte Lester Pearson einst geantwortet: "Neben diesem großen Land Amerika zu leben, ist wie mit einer Frau zu leben. Manchmal ist es nicht leicht, mit ihr auszukommen. Aber stets ist es unmöglich, ohne sie zu leben."

Eine Scheidung kommt für Kanada nicht in Frage. Aber anders als zu Pearsons Zeiten, als die Bindung an die Weltmacht durch die gemeinsamen Kriegserfahrungen gestärkt war, mehren sich heute die Stimmen, die zumindest eine Trennung von Tisch und Bett im gemeinsamen Haus Nordamerika fordern. Die Kanadier sorgen sich wieder einmal um ihre Identität und ihre Souveränität gegenüber dem großen Nachbarn im Süden.

Identität – unermüdlich kreisen die Diskussionen in diesem weiten Land um die Frage, was denn eigentlich das Kanadisch-sein ausmacht. Der Schatten des Südens scheint auf den ersten Blick tatsächlich alle Konturen zu überdecken. Die meisten der 25 Millionen Kanadier leben in einem 5000 Kilometer langen, nicht mehr als 200 Kilometer breiten Korridor entlang der Grenze zu den Vereinigten Staaten mit ihren 240 Millionen Menschen. Der Nord-Süd-Verkehr übertrifft bei weitem die Intensität der Verbindungen zwischen den Provinzen im Osten und denen im Westen Kanadas. Achtzig Prozent seines Außenhandels betreibt das Land mit Amerika. 98 Prozent aller Fernsehserien und -spiele stammen aus amerikanischen Studios. Selbst im französischsprachigen Quebec braucht niemand auf die jüngsten Verschlingungen von Denver-Clan und Dallas zu verzichten.

Aber unter der all-amerikanischen Tünche zeigen sich die kanadischen Besonderheiten dennoch deutlich – und die Kanadier sind stolz darauf. Ihre Straßen sind, auch in den Großstädten, bei Nacht sicher. Ihre Krankenversorgung entspricht europäischen Maßstäben; die Zeitungen berichten gern darüber, wie schwer es jene haben, die südlich der Grenze auf ärztliche Fürsorge angewiesen sind. Und Kanada ist, nicht zuletzt dank der seinerzeit heftig kritisierten Sprachreform unter Pierre Trudeau zwar nicht zu einem zweisprachigen Land geworden, aber doch zu einer Nation mit zwei Kulturen. Mochten sich die Provinz Quebec und die französischen Kanadier in der angelsächsischen Umgebung lange Zeit gehemmt fühlen, so sind die separatistischen Bestrebungen heute erloschen.