Mies van der Rohe: Kein anderer hat wie er Bild und Stimmung der zeitgenössischen Architektur geprägt, keiner so viele enthusiasmierte Epigonen, aber auch so viele untalentierte und dumme Nachahmer gefunden wie er – ein geschichtsbewußten Baumeister

Von Wolfgang Pehnt

Das mußte ja kommen. Finden Sie nicht, fragte neulich einer, daß Mies eigentlich ein Postmoderner war? Ludwig Mies van der Rohe, einer der vier Evangelisten des modernen Bauens (neben Frank Lloyd Wright, Walter Gropius und Le Corbusier), der dritte und letzte Direktor des Bauhauses, der strenge Meister des Steins und des Stahls? Der Mann, der sich die Zumutung verbeten hatte, jeden Montag eine neue Architektur erfinden zu müssen? Stammt denn nicht jene Devise von ihm, die aller detailfrohen Zierlust entgegengesetzt ist? Sein Diktum „Weniger ist mehr“ ist zu dem am zweithäufigsten zitierten Slogan der neueren Architekturgeschichte geworden, gleich nach jener anderen Drei-Wörter-Formel „Form follows function“.

Das Wort von der Form, die sich aus der Funktion ergibt, hätte Mies allerdings guten Gewissens nicht benutzen können. Es stimmt, er hat zeitweise zu Formulierungen gegriffen, die ähnlich klingen, aber eben nur ähnlich. Die Form galt ihm als Folge gelebten Lebens. Vom Leben aus müsse man die Form finden, aus dem Wesen der Aufgabe sei sie zu gestalten. Form sei nicht das Ziel, sondern das Resultat der Arbeit. Nur Lebensintensität habe Formintensität. Die aphoristischen Glaubensbekenntnisse, auf die Mies sich festlegte, wo andere ausführliche Abhandlungen schrieben, haben ihre eigene Verführungskraft, suggestiv wie eine Kirchenlitanei.

In den Wörtern „Leben“ oder „Wesen“ lag der Unterschied zum Funktionalismus. Das Leben und das Wesen, das der Baukünstler zu begreifen hatte, war nicht identisch mit den vordergründigen Zwecken und auch nicht mit den profanen Vorgängen, die sich in den Räumen abspielten. Es gibt Bauten von Mies, in denen der Nutzer auf eine harte Probe gestellt wird. Das gilt vor allem für jenen großen letzten Abschnitt seines Lebens, als seine Arbeit in den USA mehr und mehr auf zwei Leitbilder zusteuerte: den weiten stützenfreien Raum und die Zusammenfassung vieler kleiner Raumzellen zu einem streng geordneten, stehenden oder liegenden Quader.

So führte der gläserne Pavillon, den Mies für die befreundete Ärztin Edith Farnsworth am Fox River in Illinois konstruierte, zu einem Gerichtsprozeß. Mrs. Farnsworth hatte ein Wochenendhaus erwartet, wo Mies ihr eine gebaute Grundsatzerklärung lieferte. Wer andererseits sich mit den Ansichten Mies van der Rohes identifizierte, empfand den Anspruch seiner Häuser nicht als Zwang, sondern als Befreiung. Die Bewohner des Hauses Tugendhat in Brünn haben sich entschieden gegen die Sorge bekümmerter Kritiker verwahrt, ob diese strengen Gehäuse denn auch wirklich bewohnbar wären.

Das „Wesen“, von dem Mies sprach, stellte sich bei seinen Häusern und Hallen, seinen Museen, Institutsbauten und Verwaltungstürmen nicht in behaglicher Wohnlichkeit, perfekter Ausstellungstechnik oder ergonometrisch richtigen Arbeitsplätzen dar. Wer sich wie Mies anheischig machte, den Zeitwillen zu definieren, wer Transparenz und Genauigkeit, Weite und Großzügigkeit, Ordnung und Rationalität als die Essenz der Epoche ausgemacht zu haben glaubte, ließ sich nicht durch die Irregularität alltäglicher Bedürfnisse verwirren. Die Möblierung seiner noblen Häuser etwa wurde nicht den Eigentümern überlassen, meist verschrieb Mies ihnen eigene Entwürfe. Die Bewohner seiner Appartementhäuser in Chicago wurden per Vertrag zu weißen Vorhängen verpflichtet, damit die Einheitlichkeit der Erscheinung nicht Schaden nähme.