Dortmund

Eine ungebrochene Karriere durch fünf Jahrzehnte hatte Gustav Lesemann hinter sich; als er 1973 starb, galt er als „Nestor der Sonderpädagogik“. Nach ihm wurde noch zu Lebzeiten eine Stiftung benannt, den „Gustav-Lesemann-Preis“ durfte er zweimal selbst vergeben. Nach seinem Tod wurden Sonderschulen nach ihm benannt, so in seiner Heimatstadt Hannover, in Frechen im Rheinland und in Berlin. Auch im Dortmunder Stadtteil Eving gab es bis vor kurzem eine Gustav-Lesemann-Schule. Sie soll nun umbenannt werden, beschloß die örtliche Bezirksvertretung. Der Schulausschuß hat ihr jetzt den Namen entzogen. Der Anlaß für die Umbenennung: Der örtliche Rundfunksender hatte Lesemanns Rolle als Wegbereiter der nationalsozialistischen Behindertenpolitik bekanntgemacht. Die Opposition im Dortmunder Rathaus, die CDU, stellte einen Dringlichkeitsantrag, dem auch SPD und Grüne zustimmten.

Drei Schlagworte kennzeichnen die Verbrechen der Nazis an Behinderten: Asylierung, Sterilisierung und „Euthanasie“, der Massenmord an Behinderten, dem wahrscheinlich über 200 000 Menschen zum Opfer fielen. Lesemann fand schon 1929, als die NSDAP mit 12 von 491 Sitzen im Reichstag noch eine Splitterpartei war: „Ein Gedanke aber, der schon greifbare Gestalt angenommen hat, ist die Frage der lebenslänglichen Asylierung der Schwachsinnigen ...“ Und, in derselben Rede vor Sonderschullehrern in Mecklenburg: „Eine andere Frage ... möchte ich hier nur anregen, ohne sie zu beantworten: Die Frage nach der Abtötung lebensunwerten Lebens.“ Ausdrücklich befürwortete er später, 1931, die Zwangssterilisierung Behinderter: „Solange man sich nicht entschließen kann, zur Zwangsuntersuchung vor der Ehe, zur Sterilisierung tiefstehender Schwachsinniger zu greifen, bleibt die Erziehung so ziemlich der einzige Weg der Fruchtbarkeitsauslese“, schrieb er in der Fachzeitschrift Die Hilfsschule. Damals war Lesemann Vorsitzender des Verbandes der Hilfsschulen Deutschlands, der Fachorganisation der Behindertenpädagogik. Obwohl selbst kein Mitglied der NSDAP, blieb er bis zu seiner Einberufung zur Wehrmacht 1939 Leiter eines Jugendheimes in Hannover und als Autor zahlreicher Zeitschriftenaufsätze der NS-Behindertenpolitik treu. Er kritisierte 1934 eine zu lasche Anwendung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses: „Ich persönlich stehe auf dem Standpunkt, daß man hier und da ruhig einmal einen Zweifelsfall mehr sterilisieren soll, anstatt etwa ... viele durchrutschen zu lassen, die in Wirklichkeit sterilisiert werden müßten.“

Wie es kommen konnte, daß eine Dortmunder Sonderschule nach diesem Mann benannt wurde, ist leicht erklärlich: Literatur über Behinderte im Dritten Reich ist relativ spärlich, Lesemann genießt offiziell immer noch einen guten Ruf. Die Dortmunder Schulverwaltung hatte den Namensvorschlag der Schulkonferenz durch einen Blick in das Enzyklopädische Handbuch der Sonderpädagogik überprüft, wo Lesemanns Rolle bei den Nazis ausgespart bleibt.

Der nach dem Kriege gegründete Verband Deutscher Sonderschulen (VDS), dessen Ehrenvorsitzender Lesemann bis zu seinem Tod 1973 war, will sich sein Denkmal heute nicht so leicht erschüttern lassen. Der Verbandsvorsitzende Bruno Prändl sieht, so erklärte er, in den „angeblichen Aufdeckungen der Dortmunder Presse“ keinen Grund, etwa den Gustav-Lesemann-Fond umzubenennen. Immerhin will er sich noch einmal mit dem Thema befassen. Doch die Vergangenheit Lesemanns wurde nicht erst jetzt in Dortmund bekannt. Die Zeitschrift des hessischen Landesverbandes des VDS, Behindertenpädagogik, veröffentlichte in zwei Folgen 1984 und Anfang 1985 eine Arbeit des Bremer Sonderpädagogen Hanspeter Berner, in der er sich ausführlich mit der Sonderschule im Dritten Reich auseinandersetzt. Lesemanns Stellung taucht hier immer wieder auf. Hier findet man die Einschätzung Prändls bestätigt, Lesemann habe Auffassungen vertreten, die damals auch in anderen Ländern verbreitet gewesen seien. Das entschuldigt natürlich nichts, verweist aber auf einen gern verdrängten Tatbestand: Die Nationalsozialisten fanden unter den Hilfsschullehrern, wie sie damals hießen, einen weitgehend vorbereiteten Boden für ihre Politik der „Rassenhygiene“ und „Eugenik“. Lesemann konnte also mit Zustimmung rechnen, als er 1929 erklärte: „Hat die Hilfsschule eine rassehygienische Bedeutung, so ist ihr Wert ein unbeschreiblich hoher.“

Das Beispiel Gustav Lesemann zeigt einen Grund, warum es den Sonderpädagogen immer noch schwerfällt, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten: Zu viele Karrieren gingen nach dem Krieg ungebrochen weiter. Langsam scheint aber auch hier das Tabu zu brechen: Die wenigen Arbeiten, die sich kritisch mit der Sonderpädagogik im Dritten Reich auseinandersetzen, sind alle neueren Datums. Georg Ehring