Von Berliner Familien wird berichtet. Frauen und Männer dieser Stadt – sie stehen stellvertretend für die Bewohner anderer deutscher Städte – erzählen vom Neubeginn nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs. Sie erzählen nicht nur von den real vorhanden gewesenen Trümmerfeldern. Die Berichte rücken auch die seelischen Scherbenhaufen ins Blickfeld:

Sibylle Meyer und Eva Schulze: Von Liebe sprach damals keiner – Familienalltag in der Nachkriegszeit; Verlag C. H. Beck, München 1985; 267 S., 29,80 DM.

Zum seelischen Scherbenberg gehörte der Verlust des Familienlebens herkömmlicher Ordnung. Dazu fuhren die Autorinnen erklärend aus, daß in den deutschen Provinzen, einschließlich der Metropole Berlin, vor dem Krieg unter den Begriff „Familie“ keineswegs die Kleinfamilie fiel, wie unsere Zeit sie kennt. Zu zahlreichen Verwandten, zu Geschwister- und Schwiegerfamilien wurden enge Beziehungen unterhalten.

Verwandte waren es, die im Kriegstrubel und noch in der Nachkriegszeit notwendige Hilfe leisteten. War das Wohnhaus zerbombt, durfte man Behelfsunterkunft beim Onkel, bei einer Tante in Anspruch nehmen. Die Kleinkinder jener Frauen, die dienstverpflichtet oder zur Nahrungsbeschaffung unterwegs waren, fanden Bleibe bei den Schwiegereltern. Gegenseitiges Geben und Nehmen, ständig praktizierte Opferwilligkeit machte die Überlebensarbeit möglich. Seinerseits konnte der Frontsoldat sich mit der Gewißheit trösten – sofern es ein Trost war – daß die Seinen nicht gänzlich verlassen der Rundum-Tragödie ausgeliefert waren. Photographien von Frau und Kindern bewahrten die Soldaten sorgfältig auf, als eine Art Talisman, in der Uniformtasche.

„Immer wieder hab’ ich in der Gefangenschaft dieses Photo betrachtet. Es war das einzige, was mich aufrecht erhielt – die Hoffnung, meine Familie wiederzusehen“, bekundet Hans Prochnow. Die Abbildung zeigt ihn als Urlauber bei einer Geburtstagsfeier. Auguste Ott wiederum hatte ein Jahr lang nichts von ihrem Mann gehört. Dann erhielt sie die erste Karte aus einem Gefangenenlager. „Sofort habe ich mich und die zwei Jungs photographieren lassen, hab’ einen Brief geschrieben und die Photos darangeheftet. Das durfte man eigentlich nicht. Auf den Umschlag habe ich die Gefangenennummer geschrieben und ‚Bitte nachsenden, das ist das erste Lebenszeichen seiner Familie.‘ Und tatsächliche er hat den Brief mit den Bildern gekriegt.“ Doch manche Nachricht aus der Heimat erreichte den Kriegsgefangenen nie. So wuchs die Sehnsucht nach dem Zuhause im gleichen Maße, wie die Verklärung der fernen Heimat zunahm. Es mußte zum Scherbenhaufen geraten.

Von 1945 an wurden die Männer nach und nach aus der Gefangenschaft entlassen. Aber zu Jahresbeginn 1948 warteten noch 1,3 Millionen Frauen auf ihren Lebenspartner. Erst 1956 kamen die letzten Gefangenen – bis auf wenige Ausnahmen – zurück. Im Krieg, vor allem in der Gefangenschaft, wurden die Soldaten über die wirklichen Verhältnisse in Deutschland nur lückenhaft informiert. Kein Wunder, daß die Männer zuversichtlich hofften, bei ihrer Rückkehr werde sich wenigstens das Familiendasein als intakter Lebensbestandteil erweisen. Der Schock traf die Heimkehrer oft genug bereits in den ersten Wiedersehenstagen. Kleinkinder graulten sich vor dem Vater, den sie nie gesehen hatten. Halbwüchsige Söhne und Töchter gingen auf Distanz. „Ohne Vater war es schöner“, flüsterten sie noch Monate später der Mutter zu. Die Ehemänner standen nun überanstrengten, zum Teil verhärmten Frauen gegenüber, die unablässig tätig waren: Heimarbeit, Haushalt, Schwarzmarkthandel. Andere arbeiteten in Betrieben, übten führende Funktionen aus. Sie waren während der langen Katastrophenphase zu Frauen geworden, die rasche Entscheidungen fällten und nachdrücklich anzuordnen verstanden.

Die Männer spürten, daß ihre traditionelle Rolle als „Haushaltungsvorstand“ verlorengegangen war. Da sie zudem entkräftet, viele chronisch unterernährt zurückgekehrt waren, mußten sie sich von ihren Frauen pflegen lassen. Elsa Köhler berichtet: „Ich bin dann zum Arzt mit ihm gegangen. Aber der konnte auch nicht helfen. Der hat nur zu mir gesagt: ‚Sie haben doch Kinder. Da müssen Sie sehen, wie Sie Ihren Mann auf den Kinderkarten durchpäppeln...‘Für Rudi wiederum war das nur schwer zu verkraften. Er hatte gedacht, wenn er nach Hause kommt, könnte er für uns sorgen. Und statt dessen mußte er sich von mir versorgen lassen. Er hat sich gar nicht mehr richtig als Mann gefühlt. Er hat gelitten, daß ich das alles allein geschafft hab’ und er mir kaum helfen konnte.“ Der Scherbenhaufen war komplett.