Von Henry Thorau

Billige schlechte Bücher! Treten Sie näher, meine Herrschaften! Riskieren Sie einen Blick! Und wenn Sie auch nur eine einzige Seite finden, meine Dame, wo weniger als zehnmal Sch ... steht, haben Sie einen Kleinwagen gewonnen! Billige schlechte Bücher! Mit Widmung vom Verfasser! Und dem Versprechen, bald abzukratzen. Damit haben Sie eine echte Wertanlage im Bücherschrank!“

Neuester Werbegag eines Verlagsgiganten? Alleingang eines verkannten Debütanten? Oder letzter Versuch eines alternden enfant terrible? Unrasiert, den Bierfahrerbauch in einen verwaschenen grauen Overall gezwängt, die speckige Schirmmütze in den Nacken geschoben, steht Plínio Marcos in der Fußgängerzone im Zentrum der Elf-Millionenstadt São Paulo und breitet auf einer Obstkiste seine Werke vor sich aus: Theaterstücke, Romane, Erzählungen, Reportagen. Er weiß selbst nicht genau, wieviel er veröffentlicht hat (zwischen 20 und 30 Titel, fast alle in renommierten Verlagen), was noch unpubliziert in den Obstkisten zu Hause Wert. Er lebt vom Straßenverkauf seiner Bücher (bis zu 50 pro Tag).

Aber das allein ist es nicht, was ihn jeden Mittag hierher zieht, wo sie sich treffen, die schwarzen Capoeiratänzer, die Feuerschlucker, die ausgemergelten Arbeitslosen aus dem Nordosten, die Wundermittel vom Amazonas feilbieten, die Hehler und Taschendiebe. Man kennt sich, begrüßt sich mit Handschlag. Plötzlich ist meine Armbanduhr weg. Plínio Marcos gibt sie mir lachend zurück: „Sou um deles“ – Ich bin einer von ihnen. Und er könne auch Hunde und Hühner hypnotisieren. Das habe er schon mit 16 gekonnt, als er mit Magiern vom Zirkus befreundet war und mit Gleichaltrigen Villen ausräumte, und sein Vater, ein kleiner Bankangestellter in der Hafenstadt Santos, versuchte, aus ihm, der mit Müh und Not den Hauptschulabschluß geschafft hatte, einen anständigen Menschen zu machen und ihn bei einem Klempner in die Lehre steckte (was noch heute als Beruf in seinem Reservistenpaß steht).

Da er in Wirklichkeit Fußballer werden wollte, meldete er sich freiwillig zur Luftwaffe, mit der falschen Vorstellung, daß man beim Militär, in der Sportgruppe, den ganzen Tag Fußball spielen könne. Mit 19 landete er dann endgültig beim Zirkus, wo er als Clown und Anekdotenerzähler auftrat. Ein Zigeuner hatte ihm prophezeit: „Deine Gabe ist das Wort!“ Auch als Schauspieler mußte er einspringen – im zweiten Teil der Abendvorstellung wurden ganze Theaterstücke gegeben, eine Tradition in Brasilien, Theater unters Volk zu bringen, die mit dem Untergang vieler Zirkusunternehmen immer mehr in Vergessenheit geriet.

Auslöser für sein erstes Stück – Plínio Marcos war 23 – wurde das Schicksal eines Freundes, der in einer Ausnüchterungszelle vergewaltigt worden war und daraufhin vier Mitinsassen erstach. „Die einzige Möglichkeit damit fertig zu werden, war, es aufzuschreiben. Die einzige Form, die ich kannte, war der Dialog. Meine Sprache war die von Vagabunden. Und so wurde ein Stück daraus: ‚A Barrela‘“ (Slangwort für Vergewaltigung im Knast).

Die Kollegen vom Zirkus wollten mit dieser Art Stück nichts zu tun haben. Die prominente Kulturkritikerin, der er einmal durch sein schauspielerisches Talent aufgefallen war, gab ihm auch an einem richtigen Theater keine Chance, war aber von der Sprache fasziniert: „Du hast es geschafft, ein großartiges Stück zu schreiben mit fünfzehn umgangssprachlichen und zweihundert obszönen Wörtern.“ Ein Jahr später, am 1. November 1959, wurde „A Barrela“ vom Universitätstheater in Santos unter der Regie des Autors uraufgeführt.