Von Uwe Prieser

Genf

Keiner kann sagen, daß Jekaterina Gordejewa nicht entzückend ist. Und schon gar nicht, daß sie nicht eislaufen kann. Sie ist perfekt, sie ist reizend, Jekaterina Gordejewa ist ein Wunderkind auf Schlittschuhen. Mit vier Jahren das Eislaufen erlernt, mit zehn zur Paarläuferin vorbestimmt, mit vierzehn vor einer Woche in Genf Weltmeisterin im Paarlauf. Mit sechzehn in Calgary 1988 Olympiasiegerin? Vielleicht auch nicht.

"Wir hoffen, daß sie groß und stark wird", sagten die entthronten Titelverteidiger Jelena Walowa und Oleg Wasiliew aus Leningrad augenzwinkernd und beschrieben mit den Händen einen Bogen in der Luft, beinahe so hoch und weit, wie Sergej Grinkow zuvor in der Weltmeisterschaftskür die kleine Jekaterina beim vierfach gedrehten Wurf-Lutz durch die Luft geschleudert hatte – eine Vorführung, wie sie die Leningrader niemals fertigbringen können. Denn Jelena Walowa ist 23 Jahre alt und eine erwachsene Frau, Jekaterina Gordejewa aber reicht mit ihren einsachtundvierzig ihrem Partner gerade bis knapp über die Taille, 35 Kilo, entzückend und handlich.

Da war niemand, der dem Wunderkind den Titel mißgönnte, aber da waren viele, die mit Schrecken an die Zukunft des Paarlaufs dachten. Paarlauf? Wo war das Paar? Es war weder Zufall noch Mißachtung, daß niemand groß nach Jekaterinas Partner fragte. Er hatte die süße Kleine durch die Luft geschleudert, sie über ausgestreckten Armen bei Hebefiguren über seinem Kopf kreiseln lassen, sie bei der Todesspirale in einem atemberaubenden Winkel auf der äußersten Kante der Schlittschuhkufe beinahe parallel zur Eisfläche in einen Kreis hineingezogen – und damit hatte er seine Schuldigkeit getan. Schließlich war dies im strengen Sinne kein Paarlauf. Das war Parterre-Akrobatik, Zweier-Gruppe; eigentlich ein anderer Wettbewerb.

"Wegwerfmädchen" hatte es im Winter 1977 geheißen, als Trainer Stanislaw Schuk zum erstenmal zwei Paare präsentierte, bei denen die Partnerin ein kleines, leichtes, technisch perfektes Hüpfmädchen war, das an der Hand seines athletischen Partners von einer akrobatischen Luftnummer zur nächsten geführt wurde. Allein der kindliche Charme verbot, daß man sie als "Marionetten" abtat.

Die "Wegwerfmädchen" brachten eine technische Revolution in Gang: Immer waghalsigere Hebefiguren, bei denen die stützenden Hände des Partners gewissermaßen als bewegliche Barrenholme dienten, eine Inflation an Wurfsprüngen, bei denen sich die Läuferin von der Hand und dem Körperdruck ihres Partners und von der Dynamik der eigenen Laufgeschwindigkeit durch die Luft katapultierte. Im Einzellauf versuchen die stärksten Sprungathleten seit zwei Jahren, den ersten vierfach in der Luft gedrehten Sprung aufs Eis zu bringen, für das Paar Gordejewa/Grinkow gehört der vielfache Lutz schon zum Standardprogramm. "Mit dem Paar Tscherkassowa/Schachrai", erzählt Stanislaw Schuk, "haben wir damals schon Fünffachsprünge trainiert." Die Karriere des Paares ging auf natürliche Weise zu Ende. Tamara Tscherkassowa wurde zu groß und zu schwer. Zusammen mit dem zweiten Moskauer Kinderpaar Pestowa/Leonowitsch hatte Schuk einen Schautanz einstudiert, in dem die beiden Paare das gleiche Kostüm trugen und minutenlang wie in einem Spiegel absolut synchron über das Eis liefen. Mit der faszinierenden Präzision von Kipphebeln über der Nockenwelle eines Rennmotors.