ZDF, Sonntag, 23. März: Architektur am Scheideweg – 1. Die Situation, Zweifel und Neubesinnung"; von Peter Adam.

In der ersten Sendung zu ahnen, wie die anderen sieben dieser vom ZDF bestellten englischen Serie geraten werden, ist schwer – aber erlaubt ist die Hoffnung, sie würden weniger sprunghaft, weniger plakativ und in der Auswahl weit weniger zufällig als die erste. Und vielleicht wird ja auch vermieden, was den einleitenden Versuch über die "Architektur am Scheideweg" so oberflächlich machte: Der Kommentator sah in der Architektur fast nur ein formales, kein soziales, geschweige irgendein anderes Thema, zum Beispiel kein Spektakel der Spekulation. Es kamen zwar Architekten zu Wort, aber keine Bauherrn, in welcher Gestalt auch.

Die erste Sendung wollte den populären Effekt: Jawohl, diese grauenhaften Massensiedlungen müssen weg, so wie die in St. Louis (deren Sprengung man miterlebte, deren sozialer Hintergrund aber vollständig ignoriert wurde, so als ob da lediglich ein architektonisches Problem beseitigt worden wäre); und richtig, diese bonbonfarbene Popmoderne (die, wie man weiß, eine Neigung zu architektonischen Scherzen hat), bringt endlich Spaß in die graue getürmte Umwelt.

Wie ernst es dem Autor ist, zeigte sich bei seinen Beispielen aus Florida. Ihm genügten die witzigen Einfälle dreier junger Baumeister; es störte ihn kein bißchen, daß ihr Bauherr, ein Wohnbauspekulant, diese hohen und langen Riegel gewalttätig einer Einfamilienhaus-Gegend aufnötigte. "Für mich sind das Verbrecher", hatte man den Berichterstatter eben noch über die "Erben der Moderne" räsonnieren hören. Wenn sie nur den "leblosen Beton" rosa färben und den Swimmingpool so praktisch vors Wohnzimmer legen, hat er sie gleich mächtig gern.

Es versteht sich da beinahe von selbst, daß der (in Wahrheit gescheite) Amerikander Robert Venturi mit seinen Büchern flott zum "Guru der Postmodernen" erklärt wird; daß der Wolkenkratzer entwerfende Johnson natürlich über Wolkenkratzer lästert; daß Richard Meier die Zerstörung des "menschlichen Maßstabes" beklagt und I. M. Pei findet, daß das Dogma der Moderne gottlob gebrochen sei – oder, wie der Autor der Sendung verlauten ließ: daß Backstein statt Beton in Mode komme und sich nunmehr wieder Wärme statt Kälte und Vielfalt statt Monotonie verbreiteten.

Nur: die Gebäude, die er pries, waren allesamt sehr teure Gebäude (aber doch lustig anzusehen!), waren stadtzerstörende Wolkenkratzer (aber doch hübsche!) und spektakuläre, den Stadtgrundriß sprengende Verwaltungsgebäude (aber doch wahnsinnig originell, endlich etwas anderes!). "Die Welt", hörte man Philip Johnson sagen, "wird immer häßlicher." Als ob das bloß eine Sache der Architekten wäre!

Nun denn, der Autor hat noch siebenmal Gelegenheit, die etwas pessimistische Prognose über seine Sendungen zu widerlegen. Am Sonntagmittag geht’s schon weiter. Manfred Sack