Ein Glanzjahr haben die deutschen Chemieunternehmen hinter sich. Der feste Dollar ließ den Export der kerngesunden Branche 1985 florieren, und auch im Inland zeigte die Nachfrage steigende Tendenz. Die drei Chemieriesen BASF, Bayer und Hoechst scheffelten Rekordgewinne von insgesamt mehr als neun Milliarden Mark. Zwar dürften diese Zuwachsraten jetzt aufgrund der schwächeren US-Währung abflachen. Durch den Preisverfall am Ölmarkt, der die Kostenseite erheblich entlastet, winken den Chemiemultis trotzdem noch höhere Gewinne. Das dürfte den nach wie vor preiswerten Chemieaktien weiteren Kursauftrieb geben. Höhere Gewinne als die Aktien versprechen – aufgrund der Hebelwirkung – die Optionsscheine, über die man die Titel von BASF, Bayer oder Hoechst manchmal sogar billiger erstehen kann als die Papiere an der Börse kosten. Die Hebelwirkung besteht darin, daß der Preis für einen Optionsschein deutlich niedriger ist als der Kurs der zu beziehenden Aktie. Da der Schein aber im Gleichschritt mit der Aktie nach oben klettert, können bei einem viel geringeren Kapitaleinsatz gleichhohe Gewinne und damit – relativ – höhere Erträge erzielt werden. Bei nachgebenden Kursen geht der Hebel natürlich in die andere Richtung und verursacht größere Verluste.

Obwohl der Dollar seit seinem Hoch im Februar 1985 gegenüber der Mark ein gutes Drittel verloren hat, blickt die Branche optimistisch in die Zukunft. So rechnet BASF-Chef Hans Albers, Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie, auch für dieses Jahr mit einer aufwärts gerichteten Entwicklung, wenngleich sich die Schubkraft vermindern wird. Im vergangenen Jahr kletterte der heimische Chemieumsatz um sechs Prozent auf 150 Milliarden Mark, die Zahl der Beschäftigten nahm um 1,2 Prozent auf 557 000 zu. Die großen Chemiekonzerne erzielten Umsatzrenditen von rund 3,2 Prozent und erreichten damit ein Niveau wie zuletzt vor der Ölkrise 1974/75.

Daß im laufenden Geschäftsjahr trotz der schwachen US-Währung neue Rekorderträge zu erwarten sind, liegt an dem kräftig gesunkenen Ölpreis. Noch im Spätherbst 1985 kostete ein Barrel Öl – das sind 159 Liter – über dreißig Dollar. Inzwischen müssen dafür nicht einmal mehr vierzehn Dollar gezahlt werden.

Von der Baisse am Rohölmarkt profitiert besonders BASF. Denn bei den Ludwigshafenern entfallen von den Materialaufwendungen in Höhe von 11,3 Milliarden Mark immerhin neun Milliarden Mark auf Rohstoffe. Durch die enorme Kostenentlastung ist mit einem weiteren Gewinnsprung zu rechnen, nachdem der Branchenführer bereits für das letzte Jahr exzellente Zahlen präsentierte. BASF-Chef Albers setzt vor allem in den USA auf Expansion und kaufte zu diesem Zweck den Lack- und Druckfarbenhersteller Inmont. Daneben wurden der Faserbereich von American Enka sowie die Sparte Verbundwerkstoffe vom US-Konzern Celanese erworben.

Die Prognosen für den Gewinn pro BASF-Aktie, die derzeit wieder unter 320 Mark notiert, schwanken zwischen 45 und 59 Mark. Selbst bei der pessimistischsten Schätzung wird das Papier gerade mit dem siebenfachen Ertrag bewertet und ist damit im internationalen Vergleich sehr preiswert. Sehen lassen kann sich auch die Rendite. Bei einer zu erwartenden Dividende von zehn Mark bringt es der Chemietitel unter Berücksichtigung der Steuergutschrift auf eine „Verzinsung“ von fünf Prozent und macht damit Anleihen mit dreijähriger Restlaufzeit Konkurrenz.

Viel Aufsehen an der Börse erregte BASF in der vergangenen Woche mit der Begebung einer Dollar-Optionsanleihe, die einen Kupon von drei Prozent trägt und eine Laufzeit von fünfzehn Jahren hat. Jeder Teilschuldverschreibung im Nennbetrag von eintausend Dollar sind Optionsscheine beigefügt, die bis April 2001 zum Bezug von insgesamt zwölf BASF-Aktien zum Preis von 308 Mark berechtigen. Da die Optionsanleihe erst im April bezahlt werden muß, rissen sich die Spekulanten um die neuen Titel und trieben den Preis zeitweise auf über 120 Prozent bei einem Emissionskurs von 100 Prozent. Die Optionsscheine, die getrennt handelbar sind, erreichen gegenüber der BASF-Aktie ein Aufgeld von über zwanzig Prozent, während für die alten Scheine von BASF lediglich zwei bis vier Prozent Aufgeld bewilligt werden. So kostet etwa der BASF-Optionsschein von 1985 bei einem Bezugspreis von 145 Mark je BASF-Aktie lediglich 182 Mark und ist damit erheblich preiswerter als die Neuemission.

Beim Konkurrenten Bayer entfallen etwa fünfzig Prozent vom Weltumsatz auf ölpreisabhängige Rohstoffe, die zur Produktion von Farben, Locken oder Kunststoffen eingesetzt werden. Daher dürften auch die Leverkusener über niedrigere Kosten ihr Ergebnis in diesem Jahr erneut steigern können. Die Bayer AG, die nach 65 Jahren in den USA wieder unter dem traditionellen Bayer-Kreuz ihre Produkte verkaufen darf, hat in den vergangenen Jahren große Verlustlöcher gestopft, was sich nun in der Ertragsrechnung voll niederschlägt. So wurde der Reifen- und Kautschukhersteller Metzeler an Pirelli verkauft, dem angeschlagenen Photokonzern Agfa-Gevaert wurde durch ein erfolgreiches Sanierungskonzept wieder auf die Beine geholfen.