Das Trauerspiel hat anscheinend ein glückliches Ende gefunden. Nach jahrelangem Gerangel zwischen Bonn und Saarbrücken hat die Bundesregierung endlich dem Stahlkonzern Arbed Saarstahl die Schulden erlassen und damit entscheidend zur Rettung des Unternehmens beigetragen. Aber warum hat Bonn so lange gezögert? Warum hat die Bundesregierung nun doch – entgegen allen Ankündigungen nach dem Wahlsieg der SPD an der Saar – Geld herausgerückt? War es nötig, mehr als zehntausend Arbeitnehmer und ihre Familien viele Monate um die Arbeitsplätze bangen zu lassen?

Zweifellos hat die Regierung Kohl aus ihrer Sicht den politisch günstigsten Zeitpunkt ohnehin verpaßt. Wäre Arbed Saarstahl gleich nach der Bonner Wende von einer hilfsbereiten Bundesregierung gerettet worden, säße in Saarbrücken wohl immer noch der CDU-Mann Werner Zeyer auf dem Stuhl des Ministerpräsidenten. Nach dem Wahldebakel an der Saar, das der SPD erstmals die absolute Mehrheit im Landtag brachte, hatten es die Bonner Koalitionsparteien erst recht nicht eilig mit der Hilfe für Arbed. Genüßlich ließen sie den Sozialdemokraten Lafontaine schmoren. Allmählich muß die Koalition dann aber doch begriffen haben, daß sich der Todeskampf von Arbed Saarstahl nicht als Folge sozialistischer Mißwirtschaft verkaufen läßt. Zu tief waren alle Parteien in den Niedergang der Stahlfirma verstrickt.

Aber es gibt auch eine Deutung, die wenig mit Parteipolitik und viel mit Taktik zu tun hat. Weil die Bundesregierung mit ihrer Untätigkeit Arbed Saarstahl anscheinend unaufhaltsam der Pleite entgegentreiben ließ, machte sie alle Beteiligten gefügiger. Selbst die Gewerkschaften akzeptierten schließlich einen weiteren drastischen Personalabbau. Dazu wären sie noch vor Jahresfrist nicht bereit gewesen. Damals betrachteten sie die Halbierung der Belegschaft auf 13 000 Beschäftigte als völlig ausreichendes Opfer der Arbeitnehmer. So gesehen hatte die Verzögerungstaktik durchaus ihren Sinn.

Nun steht allerdings einem öffentlichen Subventionsaufwand von mehr als drei Milliarden Mark nur noch der Erhalt von 8 500 Arbeitsplätzen gegenüber. Jeder dieser Arbeitsplätze kostet den Steuerzahler also mehr als 350 000 Mark. Ist dieses Geld gut angelegt? Rechnerisch hätte die Subvention für Arbed immerhin ausgereicht, jeden neuen Arbeitsplatz an der Saar auf zehn Jahre mit 35 000 Mark, also mit mehr als der Hälfte der Lohnkosten zu fördern. Dann hätte man vielleicht Betriebe gefunden, die nicht – wie die Stahlindustrie – ihre Zukunft schon hinter sich haben.

Doch wenn es so leicht wäre, neue Arbeitsplätze zu „kaufen“, dann wären die Beschäftigungsprobleme längst bewältigt. In Wahrheit ist es so einfach eben nicht. Deshalb klammern sich Politiker, Unternehmer und Gewerkschaften an die Erhaltung bestehender Betriebe und Branchen, weil sie nur so – wenn oft auch nur für eine kurze Zeitspanne – Arbeitslosigkeit vermeiden. Deshalb auch beschränken sich die teuren Hilfsaktionen auf Industriezweige, die regional eine dominierende Stellung haben. Und das gilt nun einmal für Kohle und Stahl, die in Großbetrieben organisiert und auf bestimmte Regionen konzentriert sind. Griffe der Staat hier nicht ein, dann gäbe es sehr schnell in etlichen Städten Massenarbeitslosigkeit.

Allerdings gibt es auch Beispiele dafür, daß Städte oder Regionen auf Dauer nicht darunter leiden müssen, wenn einst dominierende Betriebe geschlossen werden. So sind im Ruhrgebiet heute gerade jene Kommunen besser dran als der Durchschnitt, aus denen sich der Bergbau zuerst zurückgezogen hat.

Damals schlossen große Neuansiedlungen die Lücken auf dem Arbeitsmarkt – Opel in Bochum und die Kraftwerk Union in Mülheim sind die Paradebeispiele. Heute ist das kaum noch denkbar. Jeder, der in den Ballungsgebieten der Montanindustrie entlassen wird, ist ein Arbeitsloser mehr, weil Beschäftigungsalternativen fehlen. Und mit jedem Entlassenen verliert meist ein Beschäftigter bei den Vorlieferanten des Betriebes oder beim lokalen Handel seinen Job, weil die Kaufkraft zurückgeht.