Warum hatte das nur noch keiner bemerkt? Schließlich ist doch mittlerweile alles, was mit Essen und guter Küche zu tun hat, einfach unglaublich chic. Da haben die Inneneinrichter die Freßtempel von Plüsch und Schmiedeeisen befreit. Da bläst ein Wille zum Stil über die Teller, bis die Gerichte selbst wie ein fernöstliches Stilleben wirken. Da entwerfen Künstler Speisekarten, die später einmal als Graphiken gehandelt werden dürften.

Nur in der Küchen-Konfektion ist alles noch beim alten geblieben: die frischgebügelte Pepita-Hose, eine gestärkte Piqué-Jacke mit Knotentuch und die hohe Mütze, die aus Zeiten stammt, als sich Handwerker-Ehre noch nach dem Kopfputz richtete. Die ganze Uniform hat selbstverständlich makellos wie das sprichwörtliche frischgepellte Ei aufzutreten.

Die Frische allein reicht nicht mehr, seit sich der junge Franzose Alain Mathinier aufgemacht hat, die Konfektion der Köche gründlich zu verändern. „Ich fing damit an, weil da vorher einfach gar nichts war, nur Altes, nur Langeweile“, erklärte er der Herald Tribune. „Die jungen Köche heute wollen sich ein bißchen modischer anziehen und attraktiver aussehen.“

Den Gefallen tut ihnen Mathinier mit Freuden.

Der Franzose, dem der Spaß an Essen und guter Küche ins Gesicht geschrieben steht, hat in den Häusern Givenchy und Cardin gelernt, was Mode ist. Thierry Mugler und Claude Montana bewundert er, und die Vorbilder schmecken seine Entwürfe mit einer deutlichen Prise ab: handwerklich saubere Schnitte, feine Details, Biesen, Kragen, Knöpfe, leichte Materialien und vor allem: Schultern so breit wie die eines Baseballspielers. „Baseball-Schnitt“ nennt er auch seine Art, die Ärmel kurz über dem Handgelenk auslaufen zu lassen, was vermuten läßt, der junge Koch habe die Jacke bereits in seiner Lehrzeit getragen.

Wer sich einen Outfit von Mathinier leisten kann, hat meist ausgelernt und schon nach den Sternen der Küche gegriffen, wie zum Beispiel Marc Meneau vom „Espérance“ in Vézelay oder Bernard Loiseau vom „Côte d’or“ in Saulieu. Selbstverständlich tragen sie Einzelanfertigungen und dürfen sicher sein, sich von der Konkurrenz abzuheben. Schließlich kopiert man ja auch nicht die Rezepte aus fremden Töpfen. Zur Sicherheit freilich wünschen sich viele Meisterköche doch auf der Brust einen handgestickten Namenszug oder doch – was Mathinier lieber sieht – zumindest die Initialen. „Ich arbeite für jeden etwas anderes, je nach Temperament und dem Stil des Restaurants. Immerhin ist jeder von ihnen ein großer Star.“

Bevor Mathinier selbst ein Star wurde, hat er kleine Brötchen gebacken – Kittel für Friseure gezeichnet und in den siebziger Jahren auch schon mal einen Overall für die Bedienung einer Hamburger-Kette. Heute denkt er schaudernd daran zurück: „Fast food und Overalls – das ist nicht mein Stil. Ich bin eher für Restaurants und Couture.“

Der Schneider der Köche ist stolz, daß seine Berufskleidung nicht nur zur Arbeit taugt, sondern auch anderswo eine gute Figur macht. In seinem Geschäft in der Rue de Maubeuge kaufen gern Branchenfremde ein, und wer in Mathiniers Montur am Herd steht, wagt sich – schließlich ist Weiß noch immer unverzichtbar für die beautiful people – damit auch in die Disco, wenn die Küche endlich kalt geworden ist. Anna v. Münchhausen