Mit der dünnen Spitze des langen weißen Stockes, den sie quer zu ihrem Körper schräg nach unten hält, tastet sich die junge Frau auf dem Bahnsteig sicher an der U-Bahn entlang zur vordersten Tür des Wagens, steigt ein und klopft an die Führerkabine. „Können Sie mir ein Taxi zur Station Bornheim-Mitte bestellen“, bittet sie den Fahrer. Ja, er wisse Bescheid, antwortet dieser und gibt den Wunsch über seine Funkanlage an die Leitstelle der Stadtwerke weiter: „Ich habe eine blinde Dame in der Bahn, sie möchte ein Taxi zur Station Bornheim-Mitte.“ Augenblicke später kommt ebenfalls über Funk die Bestätigung. Die Dame solle auf dem Bahnsteig warten, der Taxifahrer hole sie dort ab.

Die Möglichkeit, sich von den Bus-, U- und Straßenbahnfahrern per Funk ein Taxi zur Zielhaltestelle rufen zu lassen, hat Frankfurt als erste Stadt in der Bundesrepublik auf Wunsch der Blindenorganisationen für Schwerbehinderte eingeführt. Für ein halbes Jahr bieten die Frankfurter Stadtwerke diesen Service in den Abend- und Nachtstunden versuchsweise auch den übrigen Fahrgästen an. Während die Schwerbehinderten vom Betriebsbeginn bis zum Betriebsschluß sich zu allen Haltestellen ein Taxi rufen lassen können, können die anderen Fahrgäste Taxis erst ab 20 Uhr bestellen, jeweils zu den Endstationen der öffentlichen Verkehrsmittel. Das dürfte vor allem Frauen zustatten kommen, die längere Wege allein durch die Dunkelheit zu gehen haben.

Eine weitere in der Bundesrepublik bislang einmalige Hilfe bietet Frankfurt seinen stark sehbehinderten oder blinden Bewohnern. Seit dem 1. Januar bezahlt die Stadtverwaltung das Gehalt einer beim örtlichen Blindenhund angestellten sogenannten Mobilitätstrainerin. Diese soll den rund 1400 Blinden oder erheblich Sehbehinderten dabei helfen, sich im Stadtverkehr zurechtzufinden und lebenswichtige praktische Fertigkeiten zu erlernen. Mit Hilfe des Langstockes können die Blinden nach Abschluß der Mobilitätsausbildung die Wege zu den Läden, Arztpraxen, dem Arbeitsplatz und den öffentlichen Verkehrsmitteln ohne fremde Hilfe gehen. Da die Stadt Frankfurt auch immer mehr Verkehrsampeln mit akustischen Signalen oder Vibratoren ausrüstet, die Treppenauf- und -abgänge zu den Unterführungen, den U-, S-, Straßenbahn- und Bushaltestellen farblich kontrastreich und mit fühlbarem Material markiert, ist es für die Sehbehinderten in dieser Stadt etwas leichter geworden, ihren Alltag zu bewältigen.

Klubs, in denen Blinde und Sehbehinderte zusammen mit den Sehenden auf dem Tandem radfahren, rudern oder größere Strecken wandern, sind vor Jahren erstmals in Frankfurt gegründet und mit städtischen Mitteln unterstützt worden. Tastbare und mit Kontrastfarbe deutlich erkennbare Pläne vom Palmengarten und vom Zoo gehören ebenso zur Palette der Hilfen wie eine für Mitte 1986 vorgesehene dreidimensionale Kunstausstellung zum „Begreifen“.

Schließlich sagen seit kurzem die U-Bahnfahrer, wenn sie Blinde oder Sehbehinderte mit dem weißen Stock auf dem Bahnsteig stehen selten, über die Außenlautsprecher Linie und Fahrziel ihrer Wagen an. Davon profitieren auch ältere Bürger, die oft die kleine Schrift auf den Anzeigetafeln nicht erkennen können. Keyvon Dahesch