Von Wolfgang Hoffmann

VerteidigungsministerManfred Wörner droht mal wieder Ärger. Noch ehe einer seiner neuen Frühpensionäre die Kaserne hinter sich gelassen hat, sind dem Minister schon drei Prozesse sicher. In diesen Musterverfahren soll bis in die letzte Instanz geklärt werden, ob Wörners Praxis der Frühpensionierung Rechtens ist.

Die Frühpensionierung, die am 1. April beginnt und auch als „Aktion Abendsonne“ oder „goldener Handschlag“ bekannt ist, wurde im vergangenen Jahr mit einem Gesetz beschlossen, das der Verteidigungsminister nur mit großer Mühe und gegen den Widerstand auch in den eigenen Reihen durchgedrückt hatte. Um die Truppe zu verjüngen, bekamen 1200 Offiziere die Möglichkeit, freiwillig vorzeitig auszuscheiden.

Wörners Motive, etwas gegen die Überalterung der Bundeswehr-Führung zu unternehmen, sind durchaus ehrenwert. Die gegenwärtige Lage ist aufgrund falscher Entscheidungen der sozialdemokratischen Vorgänger alles andere als ideal. Viele Kompaniechefs leiden unter Frust, vor allem dann, wenn sie als Fünfzigjährige dem Streß von 60-Stunden-Wochen ausgesetzt sind und wenn von ihnen auch noch verlangt wird, kraftstrotzenden Achtzehnjährigen beim Sprung über den Wassergraben Vorbild zu sein.

Die „Alten“, von Manfred Wörner in einer Art Bonner Blackout abfällig schon als „Opas“ tituliert, sind Folge der kriegsbedingten Altersstruktur der Bundeswehr. Weil beim Aufbau der Bundeswehr die Jahrgänge 1926 bis 1934 stark dezimiert waren, wurden vor allem die geburtenstarken Jahrgänge 1935 bis 1944 Berufssoldaten. Bis zu ihrer Pensionierung blockieren nun zu viele davon die Planstellen für junge, nachdrängende Offiziere. In der Sprache der Bundeswehr heißt das: „Der Überhang von etwa 5000 Offizieren der Jahrgänge 1935 bis 1944 blockiert die Offiziere aller Führungsebenen in ihren derzeitigen Verwendungen.“ So entstand der Begriff Verwendungsstau.

In Wirklichkeit handelt es sich aber eher um einen Beförderungsstau, der übrigens nicht nur die Truppe trifft, sondern auch andere Verwaltungen, sogar die Privatwirtschaft. Die Führungssessel sind länger blockiert als das bei einer normalen Alterspyramide der Fall ist. Doch während die Wirtschaft ihre nicht mehr ganz so taufrischen Manager auf weniger wichtige Posten abschieben kann, verbindet man in der Bundeswehr mit einer anderen Verwendung stets eine Beförderung. Da die guten Posten in der Hierarchie aber besetzt sind, kann von unten niemand nachrücken. Die Folge: Beförderungsstau.

Das Parlament war zunächst bereit, vor allem für die streßgeplagten, älteren Kompanie- und Bataillonschefs etwas zu tun – eben die Frühpensionierung. Dabei wurde jedoch klargestellt, daß es sich keineswegs um eine soziale Maßnahme handeln sollte. „Sie bedeutet – im Gegenteil – für die Betroffenen eine Verminderung ihres Lebenseinkommens und das verfrühte Aufgeben des erwählten Berufes“, machte der Verteidigungsminister klar.