Wo der Durchschnitt zur Norm wird, verarmt die Demokratie

Von Robert Leicht

Hilf Herr! Die Heiligen haben abgenommen" – diese Klage des Psalmisten heißt, übersetzt in die Verhältnisse der säkularisierten Gesellschaft: Bedeutende, überzeugende Persönlichkeiten werden immer weniger. Eine alte Klage, gewiß, aber immer wieder wirkt sie aufs Neue aktuell. Ob ein weltweit angesehener Politiker wie Olof Palme ermordet wird, ein hervorragender Unternehmer wie Heinz Nixdorf im Zenit des Erfolges stirbt – jeder Verlust weist zugleich über den einzelnen Fall hinaus und verstärkt den gegenwärtigen Eindruck einer schleichenden Verarmung. Noch im Abgesang auf Männer, deren streitbares und umstrittenes Wirken auf Kanzel oder Präsidentenstuhl (Helmut Thielicke, Eugen Gerstenmaier) mit seinen Höhepunkten schon weit zurückliegt, stellt sich aus dem Abstand das Gefühl ein: Unter den Nachwachsenden findet man solche Leute nicht mehr. Rückwärts gewandte Verklärung oder nüchterne Erkenntnis?

Die demokratische Gesellschaft lebt in einem Zielkonflikt: Der Gleichheit verpflichtet, bedarf auch sie der Außergewöhnlichen. Sie rechnet sich die geregelte Normalität als Verdienst an und braucht zugleich die Ausnahme. Doch Moden und Trends reizen ironischerweise zur Konformität, die Utopie des Üblichen herrscht als Widerspruch in sich selbst.

Im Gehäuse des Gewöhnlichen

Der Zwiespalt setzt sich bis ins Triviale fort: Die hektische Konsumgesellschaft achtet hierzulande auf den Ladenschluß. Man fährt mit expeditionstauglichen Geländewagen über den Boulevard; man träumt vom großen Ausbruch aus dem Alltäglichen, schließt aber zuvor eine Einbruchsversicherung ab. Das Außerordentliche, das Wagnis, verblaßt zum Gestus.

Über dieses biedere Gehäuse des Gewöhnlichen läßt sich leicht spotten, nachdem es unter Opfern und Anstrengungen erst einmal eingerichtet worden ist. Die Entwicklung der egalitären Gesellschaft wurde jedoch seit jeher von der Sorge begleitet, sie könne im Mittelmaß ersticken.