Wissenschaftler, die mit der Biologie nichts zu tun haben, haben erstaunt, vielleicht auch verstimmt die gelassene Selbstsicherheit zur Kenntnis genommen, mit der Biologen das gesamte Bedeutungsspektrum des Begriffs „Schöpfungslehre“ (auch „Kreationismus“ genannt) mit Beschlag belegt haben. Diese Selbstsicherheit hat Gründe. Gerade in bezug auf den biologischen Aspekt der Schöpfung steht das wissenschaftliche Beweismaterial im entschiedensten Widerspruch zur biblischen Schilderung. Es ist auch der einzige Aspekt, um den es je ein Gerichtsverfahren gegeben hat: den berüchtigten Prozeß gegen den Lehrer John T. Scopes, dem man vorwarf, gegen das Gesetz des Staates Tennessee verstoßen zu haben, weil er im Unterricht die Evolutionstheorie behandelt hatte. Die meisten werden den Prozeß in Gestalt einer spannenden Auseinandersetzung zwischen den Filmschauspielern Spencer Tracy und Frederic March in Erinnerung haben.

Dem Biologen bedeutet der „Kreationismus“: Der Herrgott habe jede einzelne Tier- und Pflanzenart erschaffen, die in der Welt von heute vorkommt. Nach offizieller biologischer Lehre sind dagegen die heute existierenden Arten im Laufe von Hunderten von Jahrmillionen durch Differenzierung und Aufspaltung mehrerer biogenetischer Stammlinien entstanden. Und mit dieser Hypothese decken sich sämtliche empirischen Befunde. Die spezielle Erschaffung von lebenden Organismen ist natürlich ein Teil dieser Geschichte, aber nicht die ganze; da gibt es schließlich noch die ersten Verse der Genesis, die auf die Frage: „Wie fing alles an?“ antworten. Der Kreationismus weiß wohl auch darauf die Antwort. Gleiches gilt für die Entstehung des Lebens – eine Frage, über die zu spekulieren nach Ansicht Darwins sinnlos ist.

Erstaunlich finden wir die Sturheit, mit der die Anhänger der Schöpfungslehre an einer wortwörtlichen Auslegung kleben. Dabei geht ihnen nicht auf, daß die Evolutionslehre eine weit großartigere Idee ist – im Sinne der rationalen Frömmigkeit, von der C. S. Lewis gesprochen hat. Leider wirkt noch immer der düstere Einfluß von Bischof Samuel Wilberforce („Sam der Salbungsvolle“) fort, der eigenmächtig erklärte, zwischen biologischer Wissenschaft und Religion bestehe eine grundlegende Spannung.

Eine andere Überlegung ist die, daß die Schöpfungslehre im biologischen Sinne empirisch als ein Mythos widerlegt werden kann; das gilt speziell für solche Erläuterungen dieser Lehre, wie die Berechnung von Erzbischof Ussher (1581-1656), nach der die Schöpfung im Jahre 4004 vor Christus stattgefunden hat. Nach der nordischen Mythologie hetzen zum Beispiel zwei gierige Wölfe, Sköll und Hati, die Sonne über den Himmel, und wenn sie ein Stück von ihr abbeißen oder sie ganz verschlingen, entsteht eine partielle oder totale Sonnenfinsternis.

Die ersten Verse der Genesis sind empirisch nicht widerlegbar und sollten vielleicht weniger als Mythos denn als imaginative Literatur eingestuft werden. Für sie sind rein wissenschaftliche Beweise nicht ausschlaggebend. Wir können nicht an eine Grenze denken, ohne gleich an das zu denken, was auf der einen und was auf der anderen Seite von ihr liegt. Wie ließe sich also wissenschaftlich die Grenze zwischen Sein und Nichts denken, wenn das Nichts keinen sinnlich faßbaren Inhalt haben und folglich auch nicht Gegenstand empirisch begründeter Urteile sein kann?

Dies sind Glaubensfragen, die außerhalb der Wissenschaft liegen, und die verbreitete Ansicht, daß die biblische Schilderung der ursprünglichen Schöpfung durch wissenschaftliche Beweise widerlegt sei, ist philosophisch nicht haltbar.

Aus dem philosophischen Lexikon der Biologie „Aristotle to Zoos“ von Peter B. Medawar und Jean S. Medawar