Wir sind die Letzten. Fragt uns aus." Die ersten Zeilen eines Gedichts von Hans Sahl, geschrieben im Jahre 1973. Eigentlich ist es ja unfein, jemanden "auszufragen" – doch Sahl hat sich, im Gegensatz zu vielen anderen Zeugen des Jahrhunderts, vor den Fragen der Nachgeborenen nie gedrückt. Er ist ein Mann des Gesprächs, jemand, der das Hin und Her von Frage und Antwort liebt, jemand, der als Schriftsteller weiß, daß Dichten und Philosophieren zu fragen heißt und daß, wer eine Antwort findet, oft nur zu faul ist, weiter zu fragen. Hans Sahls umfangreiches Lebenswerk – seine Erzählungen, Theaterstücke, Essays, Gedichte, ein Roman – protokollieren sein Gespräch mit der Welt, mit sich selber. Erfahrungen, nicht als letzte Weisheiten ausgebreitet, sondern als vorläufige Ergebnisse notiert – in kurzen Pausen, kurzen Momenten des Sich-Vergewisserns innerhalb eines unablässigen dialogue fleuve.

Hans Sahl kam im Mai des Jahres 1902 in Dresden zur Welt. Ein jüdisch-großbürgerliches Elternhaus, deutsch-national gesinnt, voll Vertrauen in Kaiser und Reich. Den Antisemitismus nahm man wahr, aber als ein lästiges, aussterbendes Phänomen, als einer zivilisierten Nation nicht würdig, als krudes Phantasma einiger Wirrköpfe, Ewiggestriger. Hans Sahl hat dieses trügerische Idyll der Treue zu einer im Kern maroden und dem Untergang geweihten Gesellschaft später in seinem Theaterstück "Hausmusik" dargestellt.

Den Krieg erfährt er als Kind, als Heranwachsender – doch ist die Prägung tief. Kaum der Schule entsprungen, bekennt sich Hans Sahl zum Pazifismus, zum Sozialismus, zu den Träumen der neuen, der republikanischen Zeit. Er studiert allerlei Geisteswissenschaften in Leipzig und Breslau, promoviert bald über "irgendein altdeutsches Altarwerk" und stürzt sich voll Ehrgeiz und Enthusiasmus in den neudeutschen, in den Berliner Kulturbetrieb der zwanziger Jahre.

Mit 23, 24 Jahren schreibt er seine ersten Kritiken für die großen Zeitungen der Hauptstadt, für den Berliner Börsen-Courier ‚ für Stefan Grossmanns Montag Morgen und Leopold Schwarzschilds Tage-Buch. In dieser Zeit lernt er sie alle kennen, die großen und die kleinen, "die Kriegselefanten der Literatur und der Kunst ebenso wie das schreibende Fußvolk ..." – das Namensregister zum ersten Band seiner Memoiren (1983) liest sich wie das Who’s who des republikanischen Berlins. Seine Porträts von Klabund, Bert Brecht, Erwin Piscator, Carl von Ossietzky, Magnus Hirschfeld, Herbert Ihering, Alfred Kerr, aber auch von anderen Größen der Zeit wie Carola Neher, Greta Garbo, Sergej Eisenstein, Valeska Gert oder Iwan Goll sind Meisterwerke literarischer Medaillonkunst und gehören zum Besten, was die Memoirenliteratur dieses Jahrhunderts zu bieten hat.

Seine Filmkritiken machen den jungen Schreiberling bald bekannt; die 1926 vom Tage-Buch veröffentlichte Untersuchung über "Die Klassiker der Leihbibliothek", in der er nachweist, wie stark die populäre Literatur bereits von völkischem und militaristischem Ideengut durchseucht ist, zeigen einen mit soziologischer Analyse vertrauten, scharfsinnigen Interpreten – und Propheten kommenden Unheils.

In dem ersten Band seiner Memoiren hat er die letzten Wochen der Weimarer Republik eindrucksvoll und beklemmend beschrieben, die Verzweiflung im "Romanischen Café", die letzten Versuche, sich aufzubäumen, die bittere Resignation. Als es dann im Januar 1933 soweit war, war es fast schon zu spät: "Ich schlief nicht mehr zu Hause, ich ging ins Kino, vier oder fünfmal am Tag, ich wohnte im Kino, ich wohnte in Warenhäusern und Cafés, fuhr zwischendurch in meine Wohnung, stellte fest, daß noch niemand dagewesen war, verbrannte Papiere oder warf sie ins Klosett, lief über den Dachgarten auf das Nachbarhaus, weil ich glaubte, es hätte geklingelt. Jemand hatte mir gesagt, ich wäre auf der schwarzen Liste ..."

Er flieht nach Prag, zu Max Brod, von Prag nach Paris. Hier setzt der zweite Teil seiner Erinnerungen ein, dem das Kapitel, das wir ausgewählt haben, entnommen ist.

Wie schon im ersten Teil, zeigt Hans Sahl sich als ein exzellenter Beobachter, dem es gelingt, aus zahllosen Details, Stimmungen, kleinen Skizzen die Atmosphäre des Exils, seine Innen- und Außenräume zu rekonstruieren, ohne sich dabei sklavisch linear an den Ablauf der Ereignisse zu halten. Er zeigt das Exil in seiner Zersplitterung, die Emigranten nicht als Gruppe, als solidarische Gemeinschaft, sondern als Einzelne, Vereinzelte, Vereinsamte. Ihr Leben ist reduziert auf den Kampf – den Überlebenskampf gegen die verhaßte Heimat, die feindselige Fremde, ein Kampf oft genug gegen sich selbst. Als der Krieg ausbricht, spitzt sich die Lage der deutschen Exilierten in Paris dramatisch zu – für viele beginnt ein Wettlauf auf Leben und Tod.

Mit dem Amerikaner Varian Fry zusammen organisiert Sahl das Emergency Rescue Committee in Marseille, das Flüchtlinge mit Visa für die Vereinigten Staaten versorgt. Als die Vichy-Regierung damit beginnt, auf Druck der Nazis Emigranten auszuliefern, wird die Arbeit des Komitees zunehmend gefährlicher, schließlich unmöglich. 1941 verläßt Sahl Marseille und rettet sich, über Lissabon, nach Amerika.

In der Neuen Welt vollendet er seinen Roman "Die Wenigen und die Vielen", ein Buch über die Emigration, das schon manches aus seiner Autobiographie vorwegnimmt. Er schreibt Essays, Gedichtbände, Theaterstücke, übersetzt Thorton Wilder und Tennessee Williams, arbeitet für viele Zeitungen, als Kulturkorrespondent auch für deutsche Blätter. Nur zu Besuchen kehrt er noch nach Deutschland zurück. In seinem Gedicht "Wiedersehen mit Berlin" fragt er: "War ich je hier?" Und antwortet sich voll Trauer: "Ich war es immer / und sah Berlin in vielen Träumen brennen./ (Das Nahe ist nie nah, nur das Entfernte.)/ Ich gehe durch die Stadt, die ich verlernte,/ich werde wieder Straße Nacht und Regen/ und gehe mit den Toten in der Menge./ Die Kinderschrift, in der ich deinen Namen malte,/ ist ausgelöscht und viele Narben bluten .." Heute lebt Hans Sahl in New York, 84 Jahre alt und durch eine tückische Augenkrankheit in seiner Arbeit stark behindert. Aber immer ist es ein Vergnügen mit ihm zu sprechen, und sei es nur am Telephon über tausende Kilometer und das große Meer, das große Meer der Vergangenheit, hinweg.

1983 begann der Zürcher Ammann Verlag (mit dem ersten Band der "Memoiren") eine achtbändige Ausgabe der Schriften Sahls. Leider hat der Verlag inzwischen das Interesse an diesem einzigartigen Werk verloren – der zweite Teil von Hans Sahls Erinnerung ist bisher nur Manuskript.

Benedikt Erenz