Technologien müssen sich auch an ihrer Sozialverträglichkeit messen lassen

Technische Neuerungen verändern die Lebensbedingungen der Industriegesellschaft. Mit der Einführung neuer Techniken werden deshalb auch immer Lebensfragen beantwortet, wie wir in Zukunft leben möchten. Diese Fragen aber werden durch den technischen Fortschritt nicht immer so entschieden, wie wir es wünschenswert Binden, wenn wir nachträglich noch die Wahl hätten.

Da sind einmal die waffentechnischen Entwicklungen, von denen jeder technische Fortschritt begleitet zu sein scheint. Dieselbe Mikroelektronik, welche die Produktivität der Wirtschaft erhöht, vergrößert die Effizienz der militärischen Systeme. Manchmal, wie im Fall der Atomtechnik, handelt es sich auch um primär militärtechnische Fortschritte, denen dann erst nachträglich ziviltechnische Errungenschaften an die Seite gestellt werden.

Zum anderen hält auch die friedlich gemeinte Technik nicht mehr so recht, was man sich einst von ihr versprochen hat. Wissenschaft und Technik haben zwar die Grenze des Wachstums weit hinausgeschoben, aber keineswegs aufgehoben. Jedenfalls dient der technische Fortschritt von heute in zunehmendem Maß dazu, die unerwünschten Folgen des technischen Fortschritts von gestern wieder auszugleichen. Immer fraglicher wird außerdem, wieweit die übrigen Errungenschaften der technischen Erfindungskunst noch den menschlichen Bedürfnissen entsprechen.

Kritik bedeutet dem ursprünglichen Wortsinn nach, daß Unterscheidungen gemacht werden, die bisher vernachlässigt worden sind. Eine in diesem Sinn kritische und differenzierte Einstellung gegenüber technischen Entwicklungen hat die bundesrepublikanische Öffentlichkeit vor allem in der Auseinandersetzung über die Zukunft der Atomenergienutzung gewonnen. Tatsächlich ist die Atomenergie nicht nur durch die waffentechnische Entwicklung zum maßgeblichen Bestimmungsfaktor der internationalen Politik geworden, sondern hat sich obendrein innenpolitisch zum Paradigma für ein Mißverhältnis von Staat und Gesellschaft entwickelt.

Die Atomenergiekontroverse war zwar in vieler Hinsicht unfruchtbar und für alle Beteiligte – auf beiden Seiten – belastend, hat aber doch auch Lernprozesse für die politische Kultur der Industriegesellschaft ausgelöst. In dieser Hinsicht war vor allem die Arbeit der Enquete-Kommission „Zukünftige Kernenergiepolitik“ des 8. Deutschen

Wenn bisher über die künftige Energieversorgung debattiert wurde, spielten zwei Gesichtspunkte eine entscheidende Rolle: die Versorgungssicherheit und die Wirtschaftlichkeit der Energietechnik. Klaus Michael Meyer-Abich, Professor für Naturphilosophie und heute Senator für Wissenschaft in Hamburg, und Bertram Schefold, Wirtschaftsprofessor an der Frankfurter Universität, bewerten in ihrem Buch „Die Grenzen der Atomwirtschaft“ vor allem die Sozialverträglichkeit von Energiesystemen. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungbestätigen die Befürchtungen der Kernenergie-Gegner. Wir veröffentlichen Auszüge im Vorabdruck.