Von Dörte Schubert

Bei den Pädagogen soll es beschaulich zugehen. „Viele Professoren gehen spazieren, und im Seminar sitzen manchmal drei Studenten mit einem Professor zusammen bei einer Tasse Tee“, will Ingeborg Knipper, hochschulpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, am Fachbereich Erziehungswissenschaft beobachtet haben. Ihr paßt das traute Plauderstündchen während der Arbeitszeit überhaupt nicht, es „kommt den Staat zu teuer“, kritisiert die Bürgerschaftsabgeordnete. „Die Bezahlung der Professoren ist gesichert – obwohl sie kaum noch Studenten zu betreuen haben.“ Die Hamburger CDU möchte die Hochschullehrer vorm Däumchendrehen bewahren und sie am liebsten in den „zeitweiligen Ruhestand“ schicken oder für Arbeiten in der Verwaltung begeistern. Schrumpft die einstige Massenfakultät zum Orchideenfach, für das sich nur noch eine Handvoll Studenten interessiert und unterbeschäftigte Professoren um jeden Zuhörer buhlen müssen, um ihrer Langeweile zu entgehen?

Die katastrophalen Berufsperspektiven der Lehrer schrecken tatsächlich immer mehr Studienanfänger ab. Rund 65 000 fanden bislang keine Arbeit in der Schule und schon jetzt steht fest, daß die Kultusminister bis Ende der achtziger Jahre kein zusätzliches Personal einstellen. 1974 wollte noch fast ein Drittel aller Studenten in den Schuldienst, inzwischen sind es noch ganze 8,5 Prozent. „Lehrerausbildung heute“, auch der Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz, Theodor Berchem, hat es erkannt, „ist ein ständiges Krisenthema“.

Seit die Schulpädagogik zur brotlosen Kunst wurde, machten die Studenten einen weiten Bogen um die Pädagogischen Hochschulen, die nur das erste Staatsexamen als Studienabschluß anboten. Die PHs spürten die Folge der Krise am drastischsten: „Eine Hochschule ohne Studenten geht nun mal nicht an“, bedauert der Sprecher des rheinland-pfälzischen Kultusministers. Darum mußte die Wormser Abteilung der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule Koblenz-Landau-Mainz geschlossen werden.

Auch Norbert Feinäugle, Prorektor der PH Reutlingen und seine Kollegen packen die Bücher ein. Mit Reutlingen schließen zwei weitere PHs in Baden-Württemberg ihre Pforten im nächsten Jahr. Selbst das „ist den Studentenzahlen der verbleibenden sechs nicht zugute gekommen“, sagt Professor Feinäugle.

Die Universität Göttingen, die die Pädagogische Hochschule 1978 integriert hat, rationalisiert ebenfalls – wegen Studentenmangel. Fachdidaktiker ließen sich bereits freiwillig versetzen, sie „wollten ja nicht vor leeren Bänken lehren“, erklärt Karl Neumann, Dekan des Fachbereichs Erziehungswissenschaft. Nun aber blicken die Göttinger „mit verhaltenem Optimismus“ in die Zukunft, schon erkennt Karl Neumann „die Wende zum Besseren“, denn die Uni bietet „Familienpädagogik“ und „Freizeitpädagogik“ an – beides Diplomstudiengänge. Auch die Schleswig-Holsteiner konnten den Trend rechtzeitig abfangen – weil sie an ihren Pädagogischen Hochschulen Diplome, Magister- und Promotionsurkunden anbieten, mit denen sich Absolventen eher in der freien Wirtschaft oder im öffentlichen Dienst bewerben können. „Diplompädagoge“ klingt in den Ohren der Personalchefs wohl reizvoller als „Lehrer“. Von den etwa 800 Studenten der PH Flensburg wollen heute 100 Diplompädagogen werden, und die Mehrzahl sucht schon während des Studiums zusammen mit den Professoren nach einem Alternativjob außerhalb des Schuldienstes. Einer hat ihn bereits gefunden: Bei der AOK in Essen, wo er seine Kenntnisse aus dem PH-Projekt „Erziehung und Gesundheit“ verdienstvoll anwenden kann.

Für „ein bißchen Pädagogik – aber ohne Schulpraxis“ schreiben sich nun auch in Oldenburg die Studenten am liebsten ein. 1971 studierten hier noch fast alle auf „Lehrer“ (85 Prozent) – heute sind es noch ganze 33 Prozent, die Pädagogik als Hauptfach wählen. Gewünschter Abschluß auch hier: Diplom.