Nachbarschaft

Seit vielen Jahren schon gehört ihr altes, verrunzeltes, von tausend kleinen Falten übersätes Gesicht zu diesem alten, ehrwürdigen, mittlerweile unter Denkmalschutz stehenden Mietshaus direkt am Viktualienmarkt; und auch sie selbst ist eine Art Denkmal: 84 Jahre ist sie alt, die Frau Holl, fast so alt wie dieses Jahrhundert, welches sie vorzugsweise in dieser einen Stadt miterlebte. Frau Holl ist Hausmeisterin, ob die älteste diensttuende Hausmeisterin Münchens, ist unbekannt, sicherlich aber eine der ältesten.

Als sie geboren wurde, hatte in Bayern noch der alte Prinzregent Luitpold mit seinem patriarchalischen Oberförstervollbart das Sagen, auf Münchens Straßen rasten damals erst einige wenige Automobile mit Höchstgeschwindigkeiten bis zu 12 Stundenkilometern dahin, und die Maß Märzenbier war auf der alljährlich stattfindenden „Wies’n“ für ganze 38 Pfennige zu haben. 6 Pfennige kostete die Fleischbrühe mit Einlage dazu.

„...Ja, und dann kam der Krieg!“ Wie viele Menschen, die in diesem verworrenen Jahrhundert alt werden mußten, trägt Frau Holl ein bis obenhin mit schweren Erinnerungen angefülltes Gedächtnis mit sich herum. Manchmal, wenn ich ihr im Treppenhaus begegne, umzingelt sie mich sogleich mit allen möglichen Geschichten aus ihrer Vergangenheit, denn sie weiß, daß ich dann meistens stehenbleibe und ihr zuhöre: „Erst sangen sie alle ‚Gloria! Gloria! Gloria Victoria‘, anschließend marschierten sie direkt vom Exerzierplatz aus in den Heldentod, während uns zu Hause der Hunger die Zeit vertrieb. Und als man schließlich vier Jahre später am Morgen des 8. November wieder aufwachte, wehten lange, rote Fahnen an den Frauentürmen: Revolution! Kurze Zeit darauf kostete die Maß Dünnbier dann 21 Millionen, wenig später gar 72 Milliarden. Eine schöne Bescherung!“

Ihr altes, verwelktes Gesicht hellt sich auf, wird lebhaft und jung, wenn ihr jemand für eine Viertelstunde nur beim Entstauben ihrer Erinnerungen hilft, indem er einfach bloß zuhört: „Ja, und dann haben sie wieder eine Fahne aufgehängt, diesmal am Rathausturm ... die Hakenkreuzfahne. Und dazu ewig Umzüge und Kundgebungen und Aufmärsche und Fackelzüge veranstaltet. Zu guter Letzt wurde dann ab 5.45 Uhr ,zurückgeschossen‘! Den Rest kennen Sie ... Wir wohnten damals am Platzl unten, gleich neben dem Hofbräuhaus. Ende ’44, ganz zum Schluß, hat’s uns dann bei einem Luftangriff erwischt: Totalschaden!“

Das Leben inmitten dieser Stadt und ihre Arbeit als Hausmeisterin haben sie regelrecht vollgepumpt mit Ereignissen unterschiedlichster Art, vom harmlosen Nachbarschaftsklatsch bis zur doppelten Weltkriegskatastrophe. Wie fast alle Vertreterinnen ihres Berufsstandes besaß sie zudem stets ein recht lebhaftes Interesse an den Dingen und Geschehnissen um sie herum. Noch heute registriert sie jeden fremdenSchritt auf dem Hausflur, jede knarrende Diele, jede zu laut ins Schloß fallende Wohnungstür. Ihr Regiment über die vier Stockwerke des alten Mietshauses ist unerbittlich, ihre Präsenz lückenlos. Wie es zu einer richtigen Concierge alter Schule gehört, beherrscht sie die geheime Kunst der permanenten Allgegenwart perfekt. Überall ist sie gleichzeitig, ihr Blick ist wie eine Lichtschranke, die man wohl oder übel passieren muß, wenn man das Haus verläßt oder heimkehrt.

Seit neuestem wacht sie auch im Hinterhof bei den Mülltonnen peinlichst genau darüber, daß Glas und alte Zeitungen nicht mit dem übrigen Hausmüll zusammen weggeworfen werden (Frau Holl ist seit einiger Zeit sehr umweltbewußt geworden). Böse Zungen behaupten, sie sei eine Art „Einpersonenüberwachungsorganisation“. Wie dem auch sei, in Zeiten, da uns auf allen Ebenen anonyme EDV-Anlagen überwachen, besitzt die Kontrolle durch diese emsige, alte Frau wenigstens noch so etwas wie menschliche Wärme. Die meisten der Hausbewohner sind sich darin einig.