Von Christian Hacke

Vierzig Jahre nach dem 20. Juli 1944 lud die Historische Kommission zu Berlin zu einer internationalen Konferenz ein – zu dem Thema: "Die Deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler – eine Bilanz nach 40 Jahren." In dem vorliegenden Band, der durch den Berliner Senat subventioniert wurde, werden auf 1200 Seiten in knapp 70 Beiträgen die Ergebnisse dieser Konferenz der Öffentlichkeit vorgelegt:

Jürgen Schmädeke und Peter Steinbach (Hrsg.): Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler. Herausgegeben im Auftrage der Historischen Kommission zu Berlin in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand; Piper Verlag, München 1985; 1185 S., 29,80 DM.

Teil I besteht aus den drei einleitenden Referaten von Hans Mommsen (Der Widerstand gegen Hitler und die Deutsche Gesellschaft), Klaus-Jürgen Müller (Nationalkonservative Eliten zwischen Kooperation und Widerstand) und Ger van Roon (Widerstand und Krieg), die den Maßstab für eine angemessene historische Würdigung des Widerstands gegen Hitler setzen: "Es ist nicht leicht, sich einzugestehen, daß der Nationalsozialismus oder doch Teile der Ziele, für die er stand, so tief in das Denken und das Handeln der deutschen Massen eingedrungen war, daß nur aus letztlich utopisch bestimmtem und tief religiösem Denken heraus Widerstandskräfte mobilisiert werden konnten, während pragmatisch denkende Politiker wie Konrad Adenauer oder Theodor Heuss in Resignation verfielen oder keinen Ansatzpunkt zu realistischem Handeln erblicken zu können glaubten." (Mommsen)

Nicht die verantwortlichen Heerführer, sondern wenige junge Generalstabsoffiziere, nicht die alten politischen Eliten der Weimarer Republik, sondern politische Außenseiter faßten den Entschluß, wie Mommsen zeigt, "unter unsäglich schwierigen Bedingungen und zuletzt im Bewußtsein äußerer Aussichtslosigkeit den Umsturz zu wagen und damit ein Zeichen gegen die in Hitler verkörperte Herrschaft der absoluten Inhumanität zu setzen, während die große Mehrheit der Nation und ihrer Eliten schwieg."

Klaus-Jürgen Müller, Historiker an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, schildert anschaulich den Weg der national-konservativen Eliten zwischen Kooperation und Widerstand. Er zeigt, daß die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten der Weimarer Republik, die ein zeitweiliges Zusammengehen mit Hitler befürworteten, innenpolitisch ihre Führungsposition durch eine neue Massenbasis im Rahmen eines autoritären Systems zu konsolidieren suchten und außenpolitisch für das Reich eine europäische Hegemonial- oder gar eine globale Großmachtposition anstrebten. Auf diesem Hintergrund erscheint für Müller der national-konservative Widerstand "als ein differenziertes Konfliktphänomen innerhalb der Entente gewisser traditioneller Elitegruppen mit der Führung der NS-Massenbewegung."

So befürwortete Carl F. Goerdeler 1933 die Zusammenarbeit mit Hitler in der Überzeugung, daß allein ein autoritärer Staat für Deutschland angemessen sei. Staatssekretär Ernst von Weizsäcker hielt Außenminister Ribbentrop für den eigentlichen Kriegstreiber und trat noch für einen "Chemischen Auflösungsprozeß der CSSR" 1936 ein. Führende Militärs hielten in der für den Widerstand wichtigen Fritsch-Krise 1938 nicht Hitler, sondern die Gestapo für die treibende Kraft. Für General Ludwig Beck, der noch 1937 mit Hitlers Zielen übereinstimmte, wurde erst die Sudeten-Krise der entscheidende Auslöser, einer Kräftegruppierung zuzustoßen, die Müller als "Anti-Kriegspartei" bezeichnet und der General Franz Halder, Admiral Canaris, Staatssekretär von Weizsäcker und andere zugeordnet werden können. Henning von Tresckow forderte 1936 Schritte der Armee gegen SS und Gestapo, während er selbst intensiv an den Aufmarschplänen gegen die CSSR arbeitete. Bis 1941 schien ihm die Durchsetzung deutscher Großmachtziele durch Hitler wichtiger als der diktatorische Charakter des NS-Regimes. Erst der Rußlandfeldzug öffnete ihm, wie vielen anderen jungen Generalstabsoffizieren die Augen für den verbrecherischen Charakter der Hitler-Diktatur.