Von Claus Leggewie

Erinnere dich. – Ich versuche es. – Du mußt dich erinnern." Was ist das – eine Anamnese, ein Verhör, Stimmen aus dem Jenseits? Alles zusammen. "Weiter! Erinnere dich!" Mit bohrenden Kommandos beginnt jedes der acht Kapitel in Christoph Heins erstem Roman "Horns Ende". Wer dieser Horn ist, warum er damals, im Sommer 1957, als die Zigeuner ein letztes Mal auf den Bleicherwiesen kampierten, zu Tode kam, erfahren wir erst Stück für Stück, einer psychoanalytischen Erinnerungsspur folgend, die der Autor fünf Hauptpersonen abringt.

"Erinnerungsspuren". Als wir Kinder waren, gab es den Wunderblock. Das war eine Wachsplatte, mit einer Plastikfolie überzogen. Darauf konnte man Buchstaben, Zahlen und kleine Gemälde einritzen, betrachten, um dann mit einem kurzen Ratsch das beschriebene Wachs wieder zu glätten, so daß die Schrift ausradiert wurde und verschwand. Die Erwachsenen benutzten es als Merkzettel für prosaische Einträge über anstehende Besorgungen oder Telephonate. Sigmund Freud hat den Wunderblock als Erklärungsmuster herangezogen, wie das menschliche Gedächtnis funktioniert. Er ist brauchbar für unendlich viele Eintragungen eines beliebigen Griffels, aufnahmefähig wie das menschliche Hirn und ebenso vergeßlich. Doch auf der Plastikoberfläche bleiben alle Einträge zurück – ein vollständiges Repertoire aller Merkposten vom ersten bis zum letzten Ritzer. Doch sind sie eben kaum noch zu entziffern aus dem wirren Gekritzel, und so geht es uns, wenn wir jenseits frischer Erlebnisse die zurückliegenden, verdrängten Erinnerungsspuren aus der Amnesie herausholen wollen.

An dieses mühsame Geschäft der Erinnerung mußte ich denken, als ich Horns Roman las. Es ist kein leichtes Buch, denn es spielt auf drei Zeitebenen ("Tatzeit" 1957, die heutigen achtziger Jahre, die verdrängten Jahre vor 1945) und spricht nicht mit einer Stimme, sondern ist aus den inneren Monologen oder den Dialogen der Hauptpersonen mit dem Autor komponiert.

Die Ereignisse um "Horns Ende" haben im Sommer 1957 stattgefunden. Da war das kurze gesellschaftliche und kulturelle Tauwetter nach Stalins Tod auch in der DDR schon wieder vorüber, die Jagd auf "Revisionisten" hob erneut an. Horn, schon einmal wegen Abweichung von der richtigen Parteilinie aus der SED ausgeschlossen, ist als Kustos eines kleinen Heimatmuseums in den schläfrigen sächsischen Kurort Guldenberg abgeschoben worden. (Zwecklos, im Atlas nachzuschlagen, es ist ein erfundener Name für eine wirkliche Kleinstadt der DDR.)

Als man ihm, nach der Republikflucht seiner Schwester, aus einem banalen Aufsätzchen zur Frühgeschichte einen revisionistischen Fauxpas konstruiert und ein neues Parteiverfahren droht, nimmt er den Strick und erhängt sich im Wald. Dieser Selbstmord ist den Bad Guldenbergern im Gedächtnis haften geblieben, und zwar in Verbindung mit einer anderen Erinnerungsspur: Seither sind die Zigeuner nie wieder gekommen.

Die zweite Ebene ist das Heute, zu Beginn der achtziger Jahre. Gedenktage und Jahresfeiern stehen da im Kurs; überall quetschen die Jungen die Alten aus, wie das damals gewesen sei – ein wahrer Angriff der Vergangenheit auf die Gegenwart. Aber so einfach, wie sich heute Amateurhistoriker die mündliche Überlieferung vorstellen, ist "Erinnerungsarbeit" nicht. Erinnerungen muß man mißtrauen, wie es der heute dreiundsiebzigjährige Kruschkatz bärbeißig sagt: "Die Leute werden nichts verstehen, und ihre Bemühungen, meinen Worten einen verstehbaren Sinn zu geben, werden sie dazu verleiten, meine Geschichte mit ihrem Leben zu beleben. Und statt Unbegreiflichkeiten auszuhalten und zu akzeptieren, werden sie nichts begreifen."