Von Roger de Weck

Paris, im März

Die Rede ist von einer rosigen Lammkeule und Bohnen und Ziegenkäse und sonstigen Unmengen an Nahrung und Labsal. Es ist eine Freude zuzusehen, wie der Mann alles verschlingt, was ihm vorgesetzt wird. An Jacques Chirac fällt zu allererst sein Appetit auf. Die Tischgäste sehen darin ein Sinnbild seines Machthungers. Rank und schlank geblieben, gehört der 54jährige neue Premier weder zur genießerischen, noch zur satten Sorte. Er ißt, als nehme er die pure Kraft ein, die er so verschwenderisch verausgabt.

Von Leuten wie Chirac sagt man in Frankreich, sie seien forces de la nature: Urgewalten. Wer zugleich die drei Ämter des Regierungschefs, des Bürgermeisters von Paris und des Vorsitzenden der Gaullistischen Partei wahrnehmen, obendrein seinen angestammten Wahlkreis in der bäuerlichen Corrèze nicht vernachlässigen will, braucht Stehvermögen. Jacques Chirac schläft nachts fünf Stunden, hält aber tagsüber bei jeder Gelegenheit ein Nickercnen: "Im lärmigsten Hubschrauber kann ich gleichsam auf Kommando für zwei Minuten einschlummern."

Ob sie ihn mögen oder nicht, die Franzosen läßt der vor Vitalität überbordende Politiker nicht gleichgültig. In Frankreich ist es beinahe schon ein Allgemeinplatz, daß es zweierlei Chiracs gibt: Einerseits den Offiziellen, der oft überheblich wirkt, rollenbewußt seine tiefe Stimme setzt und in seinen Reden gespreizt die Endsilben bis zur Unausstehlichkeit dehnt; andererseits den aufgeräumten Chirac mit Lausbubengesicht, der in kleinem Kreise umwerfend liebenswürdig sein kann und gerne mit lustigen Kraftausdrücken um sich wirft.

Nach außen hin strotzt er vor Selbstbewußtsein. Nach innen freilich sucht er bei seinen grauen Eminenzen, die immer eine beherrschende Rolle spielten, die fehlende Sicherheit und die erhoffte Bestätigung. Chirac umgibt sich mit einer Leibgarde von Jungtürken, die zu allem bereit sind. Dazu zählen Alain Juppé, der neue Haushaltsminister, oder der Parteisekretär Jacques Toubon. Aber den entscheidenden Einfluß übten seit jeher geheimnisumwitterte Ratgeber gesetzten Alters.

Früher zog ein rätselhaftes Paar den unbeständigen Jacques Chirac in seinen Bann. Marie-France Garaud, eine gefürchtete Pythia und Meisterin der Intrige, und ihr Komplize Pierre Juillet zogen die Fäden. Doch dann fiel eine jener meist langsam reifenden Instinktentscheidungen Chiracs. Von einem Tag auf den anderen wurden die zwei vor die Tür gestellt. Seither nimmt ihren Platz der verschwiegene Edouard Balladur ein, den man wegen seiner geschmeidigen Art eines schlauen Klerikers den "Kanonikus" oder den "Großwesir" nennt.