Klare, übersichtliche Werke. Schwarz und weiß, selten ist ein Farbfleck zu sehen. Beim schnellen Durchgehen kaum, erst beim verweilenden Hinsehen ist wahrnehmbar, daß sie sich bewegen. Still, leise, doch nicht ganz stumm. Ächzen und Stöhnen, friedliches Schnurren, ein plötzliches Knacken. Wie eine Familie mit ihren vertrauten Geräuschen bewohnen die runden Scheiben, großen Rechtecke und Quadrate ihre Räume. Kinetische Objekte von Gerhard von Graevenitz. Der alte Traum von der Maschine, göttergleiche Schöpfung des Menschen, künstliche Wiederholung der Natur. Wie einfach scheint hier alles. Kreise drehen sich auf den Scheiben, langsam, bedächtig. Balken schieben sich hin und her. Kleine Würfel, Dreiachsen in endloser Zahl kippen um ihre Achse. Das Auge sucht nach dem System, will sich eine Ordnung schaffen.

Ordnung ist das Zauberwort, Ordnung muß der Natur zugrunde liegen. Mit Ordnung und Verstand wandte sich Gerhard von Graevenitz gegen die emotionale Flut informeller, tachistischer Kunst, als er in den sechziger Jahren seine konstruktiven Werke entwickelte. Mit Ordnung und geplantem Zufall stritt er für eine rationale Kunst in einem rationalen Zeitalter, stritt er gegen den Hokuspokus von künstlerischer Intuition, stritt er für eine offene demokratische Kunst.

Ein großes Programm hinter den so harmlos sich bewegenden Scheiben und Quadraten, Kreisen und Strichen. Vierzig-, fünfzig-, sechzigtausend oder mehr Kombinationen. Nie wird der Betrachter einen Zustand sehen, den er schon kennt. Es ist wie in der Chemie. Nukleonen, Protonen, Neutronen, dann das Atom. Atome schließen sich zu Molekülen zusammen, gehen Wahlverwandtschaften ein, verlassen alte Bindungen, suchen neue. Ebenso faszinierend gedacht ist das kinetische Kunstwerk. Ein geordneter Kosmos. Nicht so schnell zu durchschauen, aber ganz einfach. Als Zufall spielt die Permutation mit. (Ix2x3x4x5n: so oft lassen sich eine bestimmte Anzahl von Ziffern, Anordnungen umstellen). Hier ist keine Mystik im Spiel. Fast ängstlich hat Gerhard von Graevenitz immer versucht, sie auszuschalten.

Und doch: Auch Gerhard von Graevenitz hat seinen Glauben, seine Mission. Er wollte Erkenntnis schaffen. Ein Instrument dazu war ein demokratischer Kunstgebrauch. Das Werk sei: klar konstruiert, offen, durchschaubar, konkret. Außerdem sollte Kunst nicht länger etwas vom Künstler Diktiertes sein. Das kinetische Objekt ist über seine Bewegung definiert: Das heißt, der Künstler stellt nicht länger das Werk her? Dieses entsteht in der Bewegung erst vor den Augen des Betrachters. Dies gilt fortwährend. Das Kunstwerk ist niemals ein fertiges Werk. In seiner Bewegung bleibt es stets eine Idee. Es ist nichts ohne den Mitspieler.

Ist das demokratisch? Er, der Künstler, gibt die Spielregeln vor. Der Betrachter muß mitspielen, kann nicht aufhören zu tun, was von ihm verlangt wird. Tut er es doch, dann sieht er nicht, worauf es ankommt. Zum Vergleich: Das alte traditionelle Bild gibt ein bestimmtes Geschehen so wieder, wie es der Maler gesehen hat. Also ist es diktatorisch, müßte man folgern. Aber: Hier können wir mit dem Künstler streiten. Wir haben ein Gegenüber, können darüber debattieren, ob wir damit übereinstimmen wollen, nicht nur wie es gezeichnet, sondern auch wie es gesehen, empfunden, verstanden wurde. Vor dem kinetischen Objekt versagt diese Diskussion. Was dem Betrachter bleibt, ist die Idee von etwas, oder die "Veranschaulichung ... eines sich mit Hilfe des Sichtbarmachens entwickelnden Denkens". Oder es bleibt wie früher ein ästhetisches Objekt.

Die siebziger Jahre sind vorbei. Der Maschinentraum, ist er ausgeträumt? Mal wieder? Die kinetischen Objekte hatten eine alte Tradition. Maschinenbauer seit dem 16. Jahrhundert, die frühen Ingenieure, bauten für die fürstlichen Kunstkammern, für Schloßgärten Apparate, Brunnenanlagen mit beweglichen Szenen, Automaten. Athanasius Kircher, Böckler, Ramelli, Leupold, Zeisig, sie schufen genial konstruierte Maschinen oder zeichneten sie auch nur. Der Mensch baute den Kosmos nach. Auch damals gab es einen Glauben an die einsehbare Ordnung. Descartes schrieb: "Ich kenne keinen Unterschied zwischen Maschinen, die die Handwerker (artisans) machen, und den verschiedenen Körpern, die die Natur selbstständig macht." Dann kam das 18. Jahrhundert, Piranesi. Der Maschinentraum wurde zur Schreckensvision. Wirre Gewölbe, die keinen perspektivischen Gesetzen mehr gehorchen, voll von Zahnrädern, Hebeln, Lastvorrichtungen. Ein Labyrinth. Der Traum war zu Ende.

Schon vor Jahren wurde es geschrieben: Die kinetische Kunst ist gescheitert. In den Beziehungen von Künstler und Betrachter hat sich nichts geändert. Das lag nicht nur an der viel berufenen Kopflastigkeit dieser Kunst. Es lag auch an einer Technikgläubigkeit, die durchschlug bis ins Sprechen, Leben, Handeln. Dies in einem Maß, das uns heute nur noch verblüffen kann. Alles schien zu funktionieren wie die programmierbaren Regeln eines Spielsystems. "Die Technik bestimmt das Gemachte mit. Auch die Welt ist eine weitgehend gemachte, also eine von der Technik bestimmte Welt. Natur unmittelbar zu erleben, ist längst nicht mehr natürlich, sondern erfordert in der Regel nicht nur Anstrengung, sondern auch technischen Aufwand", sagte Gerhard von Graevenitz in einem Vortrag 1968. Selbst das Bild des Menschen zerfiel in auswechselbare Einzelteile: "...Eine bürgerliche Malerei will uns heute weismachen, daß es Ohren, Nasen, Füße gäbe. Gibt es nicht, nur Systeme von Beziehungen, in denen Elemente zueinander stehen, die man als Füße, Ohren etc. bezeichnet" (1960/61). Da ist es, das Spiel nach Regeln mit Scheiben, Quadraten, Strichen. Gerhard von Graevenitz glaubte an die "befreiende Autonomie von Kunst", einer Kunst, die rational verantwortet, die wissenschaftlich, unpolitisch, aber souverän sein sollte. Ein Niemandsland, eine mathematischtechnische (ästhetische?) Vision, eine Welt am Draht.