Rettet Neu-Perlach!

Die Unruhe, die die Epigonen-Moderne zur Zeit unter Architekten, Bewohnern und Politikern hervorruft, nimmt zu. Schon heißt die von vielen beschworene Alternative: abreißen oder umbauen? Es war nicht zuletzt der Schinkel-Preis, mit dem vorige Woche ausgerechnet eine Studienarbeit ausgezeichnet wurde, die den radikalen Umbau des Märkischen Viertels in Berlin zum Thema hat und die interessanterweise den bayerischen Generalkonservator Dr. Petzet auf den Plan gerufen hat. Er zitierte geschickt eine Anfang der Woche veröffentlichte Rechnung des Bundesforschungsministeriums, derzufolge in den letzten siebzig Jahre so viele Kulturdenkmale zerstört worden seien wie in den 400 Jahren zuvor; Umweltgifte, aber auch blinde Erneuerungswut seien daran schuld. Eben dieser unbändigen Lust zur Veränderung müsse man einen Riegel vorschieben, wenn man „den Rang einer Kultur-, also einer geschichtsbewußten Nation“ weiter in Anspruch nehmen wolle. Petzet fordert deshalb, die Münchner Großsiedlung Neu-Perlach bei München im Ganzen, als Ensemble, unter Milieu- und Denkmalschutz zu stellen. Das sei die einzige Möglichkeit, die einmal als beispielhaft betrachtete Großsiedlung der „Neuen Heimat“ als Zeit-Dokument zu erhalten. Man muß kein Prophet sein, um zu vermuten, daß die Diskussion, die für kommenden Dienstag, 20 Uhr, im Bräustüberl der Forschungsbrauerei Perlach (Hachinger Straße) angesagt ist, erregt werden wird.

Buchheims Gabe

Die Welt wird dem streitbaren Autor, Kunstbuchschreiber, Verleger und Kunstsammler Lothar-Günther Buchheim etwas abzubitten haben: die Unterstellung nämlich, daß er ein Egomane und Geizhals sei. Hatte Buchheim, der seine große Expressionismus-Sammlung bisher verschiedenen Städten und Institutionen im kunstvollen Wechselspiel angeboten und wieder entzogen hatte, so manchen Pharisäer zu kleinbürgerlicher Kritik animiert, so müssen nun selbst seine Feinde zugeben, daß er zu den wahrhaft großen Mäzenen zu zählen ist. Am Ostersonntag nämlich wird er durch seine Frau Didi auf einer Pressekonferenz verkünden, daß er seine Sammlung geschlossen und ohne weitere Konditionen den Staatlichen Kunstsammlungen der DDR in Dresden zugeeignet habe. Durch die Offenlegung dieses Coups klärt sich endlich auch ein deutsch-deutsches Polit-Geheimnis: Die Übergabe der Geschenkurkunde an Staatschef Honecker soll am 31. Juni in der Villa Hügel in Essen erfolgen, wo im Anschluß daran ein Vier-Augen-Gespräch zwischen Honecker und Bundeskanzler Kohl stattfinden wird. Wie das Neue Deutschland berichtet, wird Honecker im Verlaufe des Festakts Lothar-Günther Buchheim den großen Verdienstorden (mit Schärpe) des Arbeiter- und Bauernstaates sowie eine lebenslange Aufenthaltsgenehmigung für die DDR überreichen. Die Mißachtung und schließliche Vertreibung des Lothar-Günther Buchheim und seiner Bilder ist ein dunkles Kapitel in der westdeutschen Kulturgeschichte.

Noch mehr Mütter

Kein Theater ist so elend, daß es nicht doch Liebhaber fände. So hat jetzt das Frankfurter Magazin Pflasterstrand einen ergreifenden Appell samt Spendenaufruf für Einar Schleefs von der Theaterkritik zerstückeltes Antikenprojekt „Mütter“ veröffentlicht, das mittlerweile spurlos vom Spielplan des Frankfurter Schauspiels verschwunden ist. Den Trauernden wissen wir Trost: Schon nämlich arbeitet Einar Schleef in aller Stille an der Fortsetzung des monumentalen Projekts. Unter dem Titel „Großmütter“ soll es im April nächsten Jahres Premiere haben: 800 Mitwirkende – drei Schauspieler, 797 Insassen Frankfurter Seniorenheime – haben mit den Proben bereits begonnen. Einen sechsstündigen Einführungsvortrag ins Thema („Großmütter – Herausforderung und Rätsel“) hält nächsten Dienstag, 22 Uhr, Schauspieldirektor Dr. Günther Rühle in den Frankfurter Kammerspielen. Nach dem Vortrag diskutiert der Referent mit Daniel Cohn-Bendit und Sibylle Wirsing von der FAZ. Eintritt frei.

Meisterkurse am Brahmsee

Alt-Bundeskanzler und ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt traf sich mit den beiden ihm befreundeten Pianisten Christoph Eschenbach und Justus Frantz (unvergessen ihre gemeinsame Einspielung des Tripel-Konzerts von Beethoven) am Brahmsee, um über Pläne zur Förderung der deutschen Hausmusik zu diskutieren. Beschlossen wurde nach zweitägiger Nonstop-Beratung ein Sommerkursus mit einem Angebot konzentrierter Instrumentalkurse, für die Helmut Schmidt nicht nur sein Wochenenddomizil zur Verfügung stellen, sondern auch selber den Unterricht speziell der Pedalklasse übernehmen will. Die Meisterkurse vom Brahmsee sollen per Fernsehkamera aufgezeichnet und im Laufe des Winters über SAT 1 ausgestrahlt werden. Bewerbungen mit Ganzfigurbild und Tonband bitte an die Redaktion der Welt, Godesberger Allee 99, 53 Bonn.