Die Zahl der weiblichen Lungenkrebsopfer wächst

Wenig Anlaß zur Freude bietet der neueste Emanzipationserfolg der Frauen: 1986 wird in den Vereinigten Staaten wahrscheinlich erstmals Lungenkrebs an erster Stelle der weiblichen Todesfälle durch Krebs stehen und damit den Brustkrebs aus dieser Position verdrängen. Es werden zwar weiterhin sehr viel mehr Frauen an Brustkrebs erkranken als an Lungenkrebs. Aber die Überlebenschancen – gemessen an der Fünfjahresüberlebensrate – sind mit 70 Prozent bei Brustkrebs höher als bei Lungenkrebs (13 Prozent), an dem die Betroffenen meist schon binnen zwei Jahren nach der Diagnose sterben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Rauchen für Frauen gesellschaftsfähig. Damit stieg die Zahl der rauchenden Frauen in Amerika wie in der Bundesrepublik; sie liegt jetzt bei rund 30 Prozent. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl rauchender Männer von über 50 Prozent auf jetzt etwa 35 Prozent. Zum erstenmal seit einem halben Jahrhundert registrierten amerikanische Ärzte 1985 bei weißen Männern eine gesunkene Lungenkrebs-Neuerkrankungsrate.

Die schlechte und die gute Botschaft aus den Vereinigten Staaten geben auch deutsche Medizinern und Gesundheitspolitikern zu denken. Zum 18. Deutschen Krebskongreß Anfang März in München klagte der bayerische Sozialminister Franz Neubauer, der Zigarettenkonsum gehe kaum zurück, obwohl bekannt sei, daß bei etwa neun von zehn Lungenkrebsfällen Tabak eine ursächliche Rolle spielte. Zwar spiegelt die deutsche Sterbestastik noch einen großen Unterschied zwischen den Geschlechtern beim Tod durch Lungen-, Bronchial- und Luftröhrenkrebs wider: Den Statistiken aus dem Jahr 1984 zufolge starben 21 050 Männer, aber „nur“ 4581 Frauen an Tumoren der Atemwege (13 106 Frauen erlagen dem Brustkrebs). Doch die gestiegene Zahl der Raucherinnen und die relativ lange Zeit von der Entstehung bis zum sichtbaren Ausbruch einer Krebserkrankung der Atemwege (üblich ist ein Latenzzeit von zehn bis dreißig Jahren) lassen befürchten, daß auch die deutsche Krebsstatistik in Zukunft ähnlich wie die amerikanische aussehen wird.

Inklusive Herzinfarkt

Rauchende Männer sahen sich schon in den fünfziger Jahren mit den Folgeerkrankungen der Qualmerei konfrontiert – neben Atemwegstumoren vor allem chronische Bronchitis und Gefäßerkrankungen inklusive des Herzinfarkts. Damals glaubten Frauen noch, den blauen Dunst ohne Reue inhalieren zu können. Diese Seifenblase zerplatzte aber, als sich nach der üblichen Latenzzeit für die Entstehung von Krebs- und Gefäßerkrankungen auch bei ihnen die typischen Leiden einzustellen begannen. Das illustriert beispielhaft der Anteil weiblicher Patienten eines auf Lungenkrebstherapie spezialisierten amerikanischen Krankenhauses: Ende der fünfziger Jahre machten Frauen nur 13 Prozent der Patienten aus, Ende der siebziger Jahre bereits 35 Prozent.

Rauchende Frauen haben also ein ebenso hohes Lungenkrebsrisiko wie qualmende Männer. Dazu gesellt sich bei gleichzeitiger „Pillen“-Einnahme sogar ein erhöhtes Risiko, Gefäßkrankheiten zu bekommen. Außerdem ist bei Raucherinnen die Fruchtbarkeit herabgesetzt und bei dennoch eintretender Schwangerschaft das Fehl- und Frühgeburtsrisiko stark erhöht. Ihre Kinder kommen häufig untergewichtig zur Welt, sind vermehrt typischen Komplikationen des Neugeborenen – und frühen Säuglingsalters ausgesetzt und haben zudem oft einen Entwicklungsrückstand, den sie zum Teil noch bis ins Pubertätsalter hinein nicht aufholen können.