Von Ulrich Glauber

Nakfa, im März

Die Dürre ist vorbei in Eritrea, der äthiopischen Bürgerkriegsprovinz. Doch der erste Regen nach fünf Jahren Dürre war wirklich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die lange Trockenheit, mehr aber noch das Vierteljahrhundert des Unabhängigkeitskriegs, haben in der früheren äthiopischen Provinz tiefe Spuren hinterlassen. Immerhin muß in den Gebieten unter Kontrolle der Eritreischen Volksbefreiungsfront (EPLF) inzwischen niemand mehr verhungern. Das Hilfswerk von Eritrea (ERA), eine Selbsthilfeorganisation, die Spenden zum Beispiel vom Kölner Eritrea-Hilfswerk empfängt, hat ein effektives System zur Verteilung der ausländischen Nahrungsmittelspenden aufgebaut.

In dem kleinen Bergdorf Bakla sind die Leute pessimistisch. „Es hat an Saatgut gefehlt, und die Ochsen zum Pflügen sind fast alle verdurstet“, sagt der Agrarfachmann Semere. Die EPLF hat ihn zu den 2500 Bauern von Bakla geschickt, die in Hütten aus Tierhäuten und Blättern weit verstreut über eine bewaldete, hügelige Hochfläche siedeln. „Für diejenigen, die im letzten Sommer nichts anbauen konnten, wird es schwer“, meint Semere. „Aber wir sammeln jetzt alles, was wir an Samen hier oben zusammenkratzen können, und lagern es für die nächste Aussaat ein.“ Bis die Felder wieder bestellt werden können, legen die Dorfbewohner Terrassen mit Steinwällen an, um der Bodenerosion an den Hängen der zweieinhalbtausend Meter hohen Berge Herr zu werden. Die Bauern haben außerdem Nadel- und Eukalyptusbäume angepflanzt, deren Wurzeln später dem brüchigen Erdreich Halt geben sollen.

„Das Jahr 1985 war besser als die Jahre davor, aber wir werden noch viel Hilfe nötig haben“, sagt Heruyi Asgedom, der Leiter der EPLF-Landwirtschaftsabteilung. In manchen Gegenden Eritreas hat es im vergangenen Herbst gar nicht oder zu spät geregnet. Anderswo kamen die Niederschläge zu früh: Die anschwellenden Flüsse zerstörten die noch unfertigen Dämme, die eigentlich dazu bestimmt waren, das Wasser auf die Felder zu leiten. Den Eritreern fehlt es an Maschinen zum Bau von Rückhaltebecken und Bewässerungssystemen. Und die Bauern waren nach der Dürre oft körperlich zu schwach, um die Kanäle mit dem von der ERA beschafften Werkzeug selbst instandzusetzen. Das Saatgut aus dem Ausland traf überdies häufig zu spät ein.

Die Agrarplaner der EPLF haben sich von all diesen Problemen nicht entmutigen lassen. In diesem Jahr brachten sie das Saatgetreide bereits im Januar in die Dörfer, um es auf jeden Fall pünktlich im Frühsommer ausgeben zu können. Für fast eine Million Mark wurden außerdem Ochsen in Kenia und im Sudan gekauft und an die eigenen Bauern verteilt.

Trotz aller Bemühungen müssen die eigenen aber auch in diesem Jahr mehr als 60 Prozent der Nahrungsmittel importieren. Die Lastwagen ihrer Hilfsorganisation sind nachts auf den sandigen Pisten und den ausgetrockneten Flußbetten des Landes allgegenwärtig. Kolonnen von zehn, zwölf Fahrzeugen pendeln unablässig zwischen dem Hafen Port Sudan, den Speichern an der sudanesischen Grenze und dem Landesinneren Eritreas. Im Schutz der Dunkelheit bringen mehr als 200 moderne Transporter Weizen, Speiseöl, Bohnen, Linsen und Milchpulver in die EPLF-Gebiete, die wegen des Krieges von den von Addis Abeba kontrollierten eritreischen Häfen Assab und Massawa aus nicht zu erreichen sind. Tagsüber werden die Laster unter ausladenden Akazien vor den MIG-Jägern der äthiopischen Luftwaffe versteckt, wenn sie nicht gerade in EPLF-eigenen Werkstätten im Sudan gewartet werden.