Zwiespältiges erlebt, wer heutzutage Goethes „Osterspaziergang“ durch Sachsenhausen nachwandern will

Von Ernst Hess

Man könnte natürlich einfach behaupten: „Hier war es!“ und sodann des Meisters Spuren folgen. Stadttor, Fluß und Hügel sind vorhanden, ein wenig verändert zwar, aber mit gutem Willen zu identifizieren.

Die ältere Goethe-Forschung hatte jedenfalls keine Bedenken, den „Osterspaziergang“ im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen anzusiedeln. „Als Schauplatz gilt jetzt wohl allgemein Frankfurt und Umgebung“, schrieb Theodor Renaud 1909. Sein Kollege Otto Pniower, ein außerordentlich produktiver Germanist, war sich schon zehn Jahre zuvor ganz sicher gewesen, „daß die unvergleichliche Szene noch in Frankfurt entstanden ist und die alte Reichsstadt zu ihrem Hintergrund hat“.

Die neueren Faust-Kommentare dagegen halten das Sachsenhäuser Szenarium für „frei komponiert“ oder „visionär“. Goethe – so ihr Argument – habe bald drei Jahrzehnte nicht mehr in Frankfurt gelebt, als er seine „Szene vor dem Tor“ zu Papier brachte. Und im übrigen: Stadttore, Bürgermädchen und Pudel gäbe es schließlich auch anderswo.

Wie dem auch sei, der Streit der Gelehrten erscheint vor Ort reichlich akademisch. Wo sind sie, die „Gärten und Felder“, wo das im Tal grünende „Hoffnungsglück“? Den Sachsenhäuser Berg hat man mit Sichtbeton und sozialem Wohnungsbau restlos zugeschüttet, des „Dorfs Getümmel“ geht im Lärm der Jumbotriebwerke unter. Als Goethe vor fast zweihundert Jahren den Faust schrieb, zogen allenfalls ein paar Bussarde über dem Stadtwald ihre Kreise. „Hier ist des Volkes wahrer Himmel“, befand der Dichterfürst österlich gestimmt. „Zufrieden jauchzet Groß und Klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Nun darf man unter der Einflugschneise des Rhein-Main-Airports schon seine Zweifel haben, ob das Gelände für den berühmten Spaziergang heutzutage tatsächlich so ideal ist. Vom Eis befreit sind zwar die Start- und Landebahnen, aber nicht, wie es in Vers 903 heißt, „durch des Frühlings holden, belebenden Blick“. Salz und eingebaute Heizaggregate haben der Natur die Arbeit weitgehend abgenommen. Bliebe noch der Main, der zwar seit Menschengedenken nicht mehr zufriert, in „Breit und Länge“ aber nach wie vor „so manchen lustigen Nachen bewegt“.