Meine Damen und Herren ...“ – Kein Referent braucht heute mehr seine Stimme zu heben, um bis in die letzten Reihen gehört zu werden. Stets ist ein Mikrophon auf dem Rednerpult installiert. Welche Probleme auch immer während einer mehrtägigen Tagung anstehen – das Problem mit dem Mikrophon ist immer als erstes zu lösen. Rutscht doch selbst eine hoch angesiedelte wissenschaftliche Tagung, Symposium genannt, sofort um einige Etagen tiefer, wenn der Referent gerade ein entscheidendes Problem auf den Lippen hat – und aus dem Mikrophon kommt nur ein Pfeifton.

Ein erfahrener Redner wird also, bevor er die Teilnehmer der Tagung begrüßt, erst einmal mit dem spitzen Finger an das Übertragungsgerät klopfen, um aus dem Geräusch zu schließen, daß er angeschlossen ist. Aber dann geht’s los: „Meine Damen und Herren ...“

Nun ist die Technik natürlich so weit fortgeschritten, daß sich das Mikrophon selbst auf nicht weltbewegenden Tagungen im Handumdrehen zur Räson bringen läßt, falls ein Pfeifton zu hören sein sollte. Wenn es trotzdem immer noch Referenten gibt, die ihre Stimme am Mikrophon in gewissen Passagen überziehen, dann liegt das nicht am Mißtrauen gegenüber der Technik. Der Mensch neigt einfach dazu, lauter zu werden, wenn er Entscheidendes zu sagen glaubt.

Zunächst aber gibt man sich – Bedeutsames kommt später – noch betont lässig. „Meine Damen und Herren ...“ – das darf sogar mit ganz leiser Stimme ins Mikrophon gehaucht werden. Die anfängliche Nervosität muß überspielt werden. Dabei hilft auch ein ständig zwischen den Fingern gedrehter Kugelschreiber oder die ständig auf- und abgesetzte Lesebrille.

Dann kommt die Phase, in der der Referent anfängt,’ die Zuhörerschaft zu beobachten. Über das Mikrophon hinweg. Wo sitzt er, der Besserwisser, der mit unbequemen Fragen auf seinen Auftritt lauert? Kommt er oder kommt er nicht?

Er kommt immer. Spätestens dann, wenn zum Fragen ausdrücklich aufgefordert wird. Da steht er dann also auf und hebt seine Stimme, weil er ja kein Mikrophon an seinem Platz hat, und auch, weil er von der Bedeutsamkeit seiner Einlassung erfüllt ist. Er muß niemanden begrüßen, er gibt sich vielmehr sofort „betroffen“ durch die „merkwürdige Unkenntnis“, die seiner Meinung nach da vorn am Rednerpult herrscht.

Fragen, die er stellt, sind gar keine Fragen, sondern Feststellungen. Dabei ist er gar nicht auf Fehler des Referenten angewiesen. Er ist selbst in der Lage, die Worte des Mannes hinter dem Mikrophon so entschieden zu mißdeuten, daß alles gegen den Referenten spricht. Sogar das eigene Referat.