Nichts ist mehr gültig

Trivialpoesie geht davon aus, daß jedes geschriebene oder ausgesprochene Wort wahr ist... Wenn man alles zitieren und sich auf alles berufen kann, dann muß es auch möglich sein, nichts zu zitieren und sich auf nichts zu berufen.

(Zweites Manifest der Trivialpoesie 1983)

In Kultur und Literatur der DDR ist der Durchbruch zur Moderne längst gelungen. Vergleicht man, welche Entwicklungen im Literaturbereich – und nur davon soll hier die Rede sein – um sich greifen, mit dem, was sich auf anderen gesellschaftlichen Gebieten tut, so wird ein scharfer Konturenunterschied deutlich. In Literatur und Kultur wird wie selbstverständlich kritisch reflektiert und verarbeitet, was gesamtgesellschaftlich (noch) hingenommen wird: Fortschritt, technische Rationalität, gesellschaftlicher Nutzen von Kultur sind keine unbefragten Worte mehr. Das dreiteilige „Manifest der Trivialpoesie“, entstanden in einem Kreis von jungen Literaten und bildenden Künstlern, treibt diese Haltung auf die Spitze: Alles ist erlaubt, nichts ist mehr gültig; keine Wertsetzungen mehr, keine Vorbilder, keine Qualitätsunterschiede in der Kunst. Es lebe die anarchische Produktivität!

Die Haltung des Affronts, von der das „Manifest“ lebt, führt uns mitten in die Realität der achtziger Jahre. Die jungen Künstler wehren sich nicht nur gegen das lastende Erbe des „Sozialistischen Realismus“ mit seinen überkommenen ästhetischen Kriterien, sondern auch gegen eine konservative Kulturpolitik, die die Künstler nach wie vor gängelt.

Zehn Jahre sind es jetzt her, seit der Dichter und Sänger Wolf Biermann in einem Akt paranoider Staatsräson aus der DDR herausgeworfen wurde. Mit diesem Schlag, so hofften die Kulturfunktionäre und wohl auch der Parteivorsitzende damals, werde die künstlerische Intelligenz zur Räson gebracht. Der Schlag erwies sich als Bumerang. Das hat unlängst Honecker im Gespräch mit einem österreichischen Journalisten selbst eingeräumt. Heute würde so etwas nicht mehr passieren. Doch damals lag es in der Logik der Kulturpolitik.

Ein Blick zurück: Auch in der Kulturpolitik gab es nach dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker einigen Anlaß zur Hoffnung. Im Dezember 1971 war aus Honeckers Mund zu vernehmen: „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es... auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben.“ – Es war, wie wenn diese Worte der Startschuß zu einer künstlerischen Explosion gewesen wären. Nun traten all diejenigen mit ihren Werken an die Öffentlichkeit, die in den sechziger Jahren für die Schublade geschrieben hatten. Eine Vielfalt der Stoffe und Stile kam zum Durchbruch. Es gibt „in der Literatur so viele konkrete Wirklichkeiten. .., wie es Individualität unter den Autoren gibt“, konnte Jurek Becker auf dem VII. Schriftstellerkongreß der DDR 1973 feststellen.