West-Berlin

Der Trend geht wieder zum Jazz", verkündete Franz de Byl, Gitarrist, Sänger und seit zehn Jahren Mitbetreiber des renommierten Berliner Jazzclubs FLÖZ, kürzlich einer erstaunten Journalistenschar. "Wir können einen deutlichen Zuwachs in den Besucherzahlen feststellen. Und was daran besonders interessant und erfreulich ist: ich erlebe einen Publikumswechsel. Es kommen wieder sehr viele junge Leute." Kündigt sich eine Jazz-Renaissance an, nachdem Pop und Rock zur Zeit nichts Aufregendes zu bieten haben? Das neuerwachte Interesse für die 50er und 60er Jahre hat auch den Jazz wieder interessant gemacht. Obwohl seit Beginn der 70er der Rock massiv in den Jazz einbrach, gehört er doch zu den ganz wenigen Richtungen, die der Computer-Manie bisher weitgehend widerstanden.

Skepsis bleibt dennoch angebracht. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten haben ihre Jazz-Programme längst rigoros zusammengestrichen, die Plattenbranche klagt über Umsatzeinbrüche, einige kleine Jazzlabel sind bereits verschwunden. Und das FLÖZ des Franz de Byl steht trotz der günstigen Besucherentwicklung kurz vor der Pleite. Die Vermieterin, die private Havelpark Wohnbauten GmbH, droht mit einer 50prozentigen Mieterhöhung – bei Gewerberäumen durchaus üblich, doch bei weitem zu hoch für das kollektivgeführte "non profit"-Unternehmen FLÖZ. Selbst eine Intervention von Kultursenator Volker Hassemer blieb folgenlos.

Das Engagement des Senators kam nicht unbegründet. Das FLÖZ stellt nicht nur einen zentralen Treffpunkt und Auftrittsort für die immerhin etwa 600 Berliner Jazzmusiker dar, sondern es hat sich auch überregional als Kulturstätte einen Namen gemacht. Erst im letzten Winter sorgte Franz de Byl für eine kulturpolitische Sensation, als es ihm gelang, auch ohne Kulturabkommen die gesamte Jazz-Elite der DDR für sein 14tägiges "Hauptstadt-Jazzfestival" in den Westteil der Stadt zu holen. So bewilligte der Senat schon 1985 insgesamt 32 100 Mark an Zuschüssen, und zumindest informell versprach Hassemer auch bereits, für die Dauer eines Jahres die anfallende Mehr-Miete zu übernehmen. "Was danach kommt, ist ungewiß", erklärt de Byl. "Aber es kann doch nicht sein, daß eine zehnjährige Aufbauarbeit zerstört wird, weil ein paar tausend Mark fehlen."

Exakt sind es 560 000 Mark, die fehlen. Soviel würde es kosten, das FLÖZ aufzukaufen und damit endgültig abzusichern, oder die Institution FLÖZ an anderer Stelle einzurichten, wie de Byl alternativ vorschlägt. Im Gespräch sind beispielsweise eine ungenutzte Kirche in Kreuzberg oder ein stillgelegter U-Bahnhof. Etwa 100 Jazzer haben sich inzwischen um das FLÖZ herum zur "Jazzfront" zusammengeschlossen und schmieden nun bei den regelmäßigen Treffen im FLÖZ eifrig neue. Pläne. "Wir wollen nicht nur das FLÖZ retten, wir wollen mehr. Berlin ist ein ideales Pflaster für Jazz, es leben sehr viele Ausländer hier, vergleichbar mit London. Doch behandelt wird der Jazz in dieser Stadt wie ein Stiefkind."

Im Gespräch ist die Gründung eines Jazzhouse, eines Kommunikationszentrums für Jazzer mit Auftritts- und Probemöglichkeiten. "Wir brauchen auch dringend neue Räume für Musikerwerkstätten, der Bedarf ist enorm gestiegen. Wir wollen ein Studio für eigene Produktionen aufbauen."

De Byl und seine Mitstreiter versuchen nun, das notwendige Kapital für ihre Zukunftspläne über eine "Stiftung FLÖZ" aufzutreiben. Zahlreiche Spendenzusagen seien schon eingegangen, teilt de Byl mit, doch er weiß auch, daß der Jazz trotz seines Aufwärtstrends immer eine subventionsbedürftige Kultur bleiben wird. So trägt letztendlich der Senat die Verantwortung dafür, ob zur Eröffnung der 750-Jahr-Feier Berlins ältester Jazzclub einem Möbellager gewichen sein wird.

Klaus Farin