Von Erwin Brunner

Palermo, im März

Für das ganz alltägliche Leben haben die Sizilianer ein einfaches Sprichwort. „Cu è surdu orbu e taci, campa cent’anni ’mpaci“ – Wer taub und blind ist und den Mund hält, wird in Frieden hundert Jahr’ alt. Michele Sindona, der nach 1945 von Sizilien ausgezogen war, um die Welt zu betrügen, hätte es also wissen müssen.

Doch Sindona, 66, früher mächtiger Bankier mit besten Beziehungen zur Mafia und zum Vatikan, seit zehn Jahren nur mehr ein Fall für die Gerichte, redete, plauderte. Dunkle Andeutungen in einem Interview mit dem italienischen Fernsehen: Er wolle „einen neuen Prozeß“, denn „sie“ (seine Gegner, seine Freunde, wer weiß es schon?) hätten „Dokumente versteckt“, die er „nun wiedergefunden“ habe. Wenige Stunden zuvor hatte ihn ein Schwurgericht in Mailand zu lebenslanger Haft verurteilt – als Auftraggeber des Mordes an dem Vergleichsverwalter seiner 1974 zusammengebrochenen Banca Privata Italiana.

Nie mehr wird Don Michele reden. Zwei Tage nach dem Urteil – am Donnerstagmorgen vorletzter Woche – sank er in der Zelle des Hochsicherheitsgefängnisses von Voghera beim Frühstück zu Boden. Vergiftet mit Zyankali. Die Rache der Mafia? Oder seiner Logenbrüder von der skandalumwitterten „P 2“? Selbstmord?

Reden, auspacken hatte im Jahr 1954 auch ein Häftling des Palermitaner Zuchthauses Ucciardone wollen: Gaspare Pisciotta, der Vetter und Mörder des legendären sizilianischen Banditen Salvatore Giuliano. Ein Anwalt, dem er sich anvertrauen wollte, war schon bestellt – sein Tod offensichtlich auch. Am 9. Februar 1954 frühstückte der für seine Hintermänner bedrohlich gewordene Mörder zum letztenmal: Kaffee mit Strychnin. Die Tat blieb unaufgeklärt. „Wie Pisciotta“ zu enden, wurde zur Chiffre dafür, wie sich die Mafia ihrer Verräter entledigt.

Tommaso Buscetta, 56, ein Mafia-Boß aus Palermo, lebt noch. Zwei Monate lang hat Don Masino (so heißt er unter seinesgleichen) im Sommer 1984 dem Untersuchungsrichter Giovanni Falcone die blutigen Geschichten und schmutzigen Geschäfte der Mafia erzählt. Nicht aus plötzlicher Liebe zu Recht und Justiz, sondern aus Rache: Im Krieg der „Familien“ um die Vorherrschaft auf Sizilien hat Don Masino nicht nur seinen Einfluß, sondern auch die halbe Verwandtschaft verloren: zwei Söhne, einen Bruder, drei Vettern, einen Schwiegersohn.

Buscetta lebt wohlweislich in den Vereinigten Staaten. An einem geheimgehaltenen Ort, bewacht von Beamten der amerikanischen Anti-Drogen-Behörde, frönt er seiner alten Leidenschaft: Kreuzworträtseln. Da er Englisch kaum beherrscht, erwartet er sehnsüchtig jede Woche ein einschlägiges Blatt aus Italien: die Settimana Enigmistica.

Die Lebensbeichte des Don Masino brachte Hunderte mutmaßlicher Mafiosi in den Knast und auf die Anklagebank. Seit Mitte Februar läuft in Palermo das größte Gerichtsverfahren, das die italienische Justiz jemals gegen die Mafia eingeleitet hat (siehe Kasten auf Seite 18). Buscetta, der Kronzeuge, soll im Mai vor dem Schwurgericht aussagen.

Mittwoch, Donnerstag und Freitag jeder Woche treten Staat und Mafia zum Muskelmessen an. Sirenengeheul, Reifenquietschen: die von schwerbewaffneten Leibwächtern eskortierten Richter treffen am eigens für dieses Verfahren gebauten Prozeßsaal ein. Ohne Hektik zeigen derweil meist ältere Herren den wachhabenden Carabinieri ihre Papiere, um eingelassen zu werden: Angeklagte auf freiem Fuß; der Ucciardone, der Bourbonenkerker gleich nebenan, ist nämlich hoffnungslos überbelegt. Die Leute von Palermo meiden an diesen Tagen das von Panzern umstellte Karree am Hafen; der Prozeß interessiert sie ohnehin nicht – das ist eine Sache des Staates.

Ganz und gar nicht verstehen wollen die Angeklagten, was die feierliche Riege der Richter eigentlich von ihnen will. „Das Gesetz ist für alle gleich“, steht groß und dick am Richtertresen. Reihum nichts als erstaunte Unschuld. „Buscetta? – Nie was zu tun gehabt mit dem Mann.“ – „Drogenhandel? – Das waren ganz normale Familienbesuche.“ – „Ungeklärte Geldüberweisungen – „Nicht, daß ich wüßte.“ Mit monotoner Stimme diktiert Alfonso Giordano, der Vorsitzende Richter, die Aussagen dieser unscheinbaren, meist älteren Herren ins Protokoll.

Wie um der wortreichen Langeweile gegenzusteuern, zoomen die Kameras des italienischen Fernsehens zwischendurch immer wieder in die Gitterkäfige der Bosse. Da steht, allein, in Nummer 16, der angeblich größte von allen: Michele Greco, 64, ein Griesgram im eleganten Kamelhaarmantel – Buscetta hat ihn als „Präsidenten“ jener sogenannten „Kommission“ genannt, die wie ein Ministerrat die sizilianische Cosa Nostra leitet. Da ist Pippo Calö, 55, Stirnglatze, dicke Hornbrille: der „Finanzminister“ des Mafia-Kabinetts. Käfig Nummer 23 ist die Bühne für Luciano Liggio, 61, den schwarzbärtigen Cosa-Nostra-Seniorchef aus Corleone. Er liebt es, im modischen blauen Trainingsanzug aufzutreten: Für ihn ist der „maxiprocesso“ schließlich so etwas wie ein Heimspiel – seit 1974 sitzt er gleich nebenan, im Ucciardone, eine Haftstrafe ab.

Wenn Liggio dem Gericht die Ehre gibt zu erscheinen, kommt Stimmung in den Saal. Mal hält er mit dümmlichen Fragen den Vorsitzenden zum besten, mal lümmelt er einen Staatsanwalt an: „Sie sagen mir, es gibt die Mafia? – Ich muß es wohl glauben, denn es gibt ja auch die Anti-Mafia. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich, wo die Mafia sein soll!“ Dankbares Gelächter aus den Käfigen.

Heiterkeit erfaßt selbst die Richter und Schöffen, als Antonino Camporeale, ein begnadeter Komödiant, seine Aussagen macht. Der kleine Alte, wegen seines stets tadellosen Auftretens „il principe“, der Fürst, genannt, ist ein Veteran der Mafia. Zehn Jahre Gefängnis, fünf Jahre Verbannung hat er auf dem Buckel. Er soll vor Jahren der „Familie“ von Palermo-Mitte vorgeschlagen haben, Tommaso Buscetta als „uomo d’onore“ aufzunehmen.

„Buscetta, ein Ehrenmann? – Aber ich bitte Sie, Euer Ehren! Der ist dreimal verheiratet, hat eine Geliebte nach der anderen und nimmt Kokain. Hat er mir selber gesagt!“ Gekannt, ja gekannt habe er ihn, und das sei jetzt eben sein „Pech“. Er, Antonino Camporeale, ein Mitglied der Cosa Nostra? „Alles infame Phantasien dieses Buscetta.“ Schlichtweg Unsinn sei es, ihn wegen „Zugehörigkeit zu einer mafiosen Vereinigung“ schon wieder vor Gericht zu zerren.

30 reuige Mafiosi

Nein, herauszukriegen ist aus diesen Angeklagten nichts. Sie reden zwar, haben aber mit all den Vorwürfen – Mord, Drogenhandel, Erpressung und so weiter – nichts zu tun. Die „Omertà“, das Schweigegesetz der Mafia, hält immer noch, mag auch das Schandmaul Buscetta „gesungen“ und damit zum erstenmal die geheimnisvolle Macht der Mafia erschüttert haben.

Doch, und das gab es noch in keinem der bisherigen Mafia-Prozesse: In Palermo stehen fast dreißig weitere „Pentiti“ vor Gericht – „reuige“ Mafiosi, die es Don Masino gleichtun und mit der Justiz zusammenarbeiten. Salvatore Contorno zum Beispiel, ein Mann aus der Buscetta-„Familie“, der nur dank seines unwahrscheinlichen Instinkts noch am Leben ist. Niemand vor ihm ist je einem Mordanschlag des gefürchtetsten Killers von Palermo, Pino Greco „scarpazzedda“ (der kleine Schuh), entkommen. Contorno lebt, wie Buscetta, in den Vereinigten Staaten und droht, nur dann vor Gericht auszusagen, wenn er ganz sicher sein könne, daß ihm dabei nichts zustößt.

Haarsträubende Gewalttaten verriet auch der „reuige“ Killer Vincenzo Sinagra. In einer Folterkammer am Hafen pflegten der Mafia-Boß Filippo Marchese und „Scarpazedda“ ihre Opfer eigenhändig zu Tode zu quälen. Zwei Jugendliche, die ohne Genehmigung der zuständigen „Familie“ Einbrüche verübt hatten, wurden stranguliert und in ein Säurefaß geworfen. Übrig blieben ihre Armbanduhren.

Ist dieser Prozeß nun der große Schlag gegen die Cosa Nostra? „Der Kopf der Schlange ist außerhalb dieses Gerichtsverfahrens zu suchen“, meint Aldo Rizzo, ein Mitglied der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission. „Die Mafia hat eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg“, sagt der Soziologe Ennio Pintacuda. Er argwöhnt, daß die Justiz hier womöglich nur abgehalfterter Chargen habhaft geworden ist: „Diese Angeklagten sind doch verbrannte Leute – gente bruciata.“

Sicher, die Untersuchungsrichter haben erdrückende Mengen von Belastungsmaterial zusammengetragen. Aber: Ein Viertel der Angeklagten sind flüchtig, darunter jener Salvatore Riina, den Buscetta als Mafioso genannt hat, „der in der Hierarchie von Cosa Nostra vielleicht noch wichtiger ist als Michele Greco“. Außerdem hat Buscetta vor allem seine Gegner verpfiffen: Mafiosi der Clane Corleone (Liggio) und Palermo (Greco), die in den frühen achtziger Jahren im Krieg gegen die alteingesessenen Palermitaner Bosse (Badalamenti, Buscetta, Bontade, Inzerillo) die Vormacht errangen.

Tommaso Buscetta hat eine steile Karriere hinter sich, kennt also die Geschichte der Cosa Nostra wie kaum ein anderer. Im Zweiten Weltkrieg verdient er sich – von Beruf eigentlich Glaser wie sein Vater – in Palermo als Schwarzmarkthändler von Lebensmittelkarten ein Zubrot. In den fünfziger Jahren steht Buscetta schon groß im Geschäft: im Zigarettenschmuggel und beim Bauboom läßt sich viel Geld verdienen und erpressen.

Wegen der Zigaretten wird er gefaßt: Angeklagt, aber noch nicht verurteilt, setzt sich Buscetta, nun schon der Boß der „Familie“ von Palermo-Mitte, 1962 nach Mexiko ab – mit einem falschen Paß, den ihm ein befreundeter christdemokratischer Abgeordneter besorgt hat. 1965 taucht er – nunmehr ein Mexikaner namens Manuel Lopez Cadena – in New York auf, eröffnet Pizza-Läden in Brooklyn und Queens. Hier vertreibt Don Masino Heroin: der Nachschub seiner alten Freunde in Palermo und die Zusammenarbeit mit den Partnern der „French Connection“ in Marseille läuft bestens.

Ein Pech nur, daß den Amerikanern der gefälschte Paß nicht gefällt. Buscetta, alias Cadena, landet im Knast. Er zahlt 75 000 Dollar Kaution – und verschwindet. Erst 1972 wird er, inzwischen Besitzer des „Rancho Alegre“ bei São Paulo, in Brasilien verhaftet und nach Italien ausgeliefert. Dort verurteilt ein Gericht den umtriebigen Mafioso (er gilt jetzt als „Boß der zwei Welten“) zu zehn Jahren Haft. Acht muß er, in Palermo und Turin, absitzen. Als man ihn 1980 wegen guter Führung vorzeitig entläßt, verschwindet er sofort wieder nach Brasilien.

Zwei Jahre später nimmt ihn die brasilianische Polizei abermals fest; 1984 wieder Auslieferung nach Italien. Und diesmal gehört er zu den großen Verlierern. Die meisten Bosse der mit ihm verbundenen „Familien“ sind tot. Im blutigen Krieg um die Heroin-Millionen, der von 1980 bis 1982 in Palermo tobt, haben die Rivalen vom Clan der „Corleonesi“ (angeführt von Luciano Liggio) gesiegt.

Don Masino, kaputt und ausgebrannt, in Furcht vor weiteren Morden an seinen Vewandten und Freunden, packt aus. Nun verrät der Mafiaboß seine Feinde und gleich die ganze „Ehrenwerte Gesellschaft“ nach bestem Gewissen – auch ihre Rituale, ihre Organisation, ihre Geschäfte.

Ein Boß bricht den Bluteid

Was er dem Untersuchungsrichter Falcone auf gut 3000 Seiten zu Protokoll gab, will er als Abrechnung mit einer „ehrlosen Mörderbande, die keine Grundsätze mehr hat“, verstanden wissen. Es ist die Geschichte eines Ganovenvereins, in dem alles seine eherne Ordnung hatte – bis die Mafiosi den lukrativsten Markt der Welt in skrupellose Regie nahmen: den internationalen Drogenhandel.

Gewöhnliche Kriminelle als Partner, schießwütige Killer, Mord im Dutzend: Don Masino, einem cleveren Mafioso der alten Schule, war „all diese Verwilderung“ zuviel geworden. Seine „Würde“ brachte er nun ins Spiel, um zu erklären, warum er sich nicht mehr an den Kodex der „Ehre“ halte, auf den er seinerzeit den Bluteid geschworen hat.

„Ehrenmann“, also ein wirklicher Mafioso, kann nur ein Sizilianer werden. Und das geht so: Im obligaten Hinterzimmer weihen Mitglieder der örtlichen „Familie“ den für würdig befundenen Novizen zum „uomo d’onore“. Blutstropfen aus der Hand des Neuen werden auf ein Heiligenbildchen geträufelt. Er schwört, verschwiegen zu sein, nicht zu stehlen und die Frauen anderer Männer in Ruhe zu lassen. Das Bildchen wird angezündet, der frischgebackene „uomo d’onore“ muß es in Händen halten, bis es verlöscht, und feierlich geloben: „So soll mein Fleisch verbrennen, wenn ich dem Schwur nicht treu bleibe.“

Einmal Mafioso, immer Mafioso: Der Eid gilt ein Leben lang, auf Verrat steht Tod. Nun wird das neue Mitglied mit den Regeln vertraut gemacht: daß man sich unter seinesgleichen auch mit Blicken und Gesten verständigt, daß über begangene Straftaten nie Worte zu verlieren sind. Dann Vorstellung beim „Capo famiglia“, dem Boß. Ihn hat der Neue gleich wieder zu vergessen, nie aber seine Ermahnung: immer die Wahrheit zu sagen – nur „Ehrenmännern“, versteht sich. Zum Dank ist ihm die Fürsorge der „Familie“ gewiß: Geld und Rechtshilfe für den Fall, daß er mal im Knast landen sollte.

Fällt ein Boß der Justiz in die Hände, übernimmt ein Vize die Amtsgeschäfte. Er muß aber „Ratschläge“ beherzigen, die ihm der „Capo“ aus dem Gefängnis zukommen läßt. Aus der Haft zu fliehen ist unehrenhaft, das Simulieren von Irrsinn ebenso.

Organisiert ist die Cosa Nostra nach feudalem Muster. Die „Familien“ (sie tragen die Namen der Stadtteile oder Dörfer, die sie kontrollieren) beschicken mit ihren Bossen die „Kommission“, eine Art Ministerrat auf Provinzebene. Die wichtigste „Kommission“ ist jene von Palermo, auch „Kuppel“ genannt: ein Gremium von zehn bis zwölf Mitgliedern, das die Zusammenarbeit koordiniert und die großen Entscheidungen fällt.

Morde können nur von der „Kommission“ beschlossen werden. Die Killer kann sie nach eigenem Ermessen aus den Mitgliedern irgendeiner „Familie“ auswählen. Über die Tat dürfen nur die „Kommission“ und das „Exekutionskommando“ informiert sein. Für jeden Mord ist das Plazet desjenigen Bosses erforderlich, in dessen Territorium die Tat geplant ist. Besonders wichtige Morde bedürfen des einstimmigen Votums der „Kommission“. Zu den Sitzungen haben die Teilnehmer unbewaffnet zu erscheinen. Amtsdauer der „Kommission“ (laut Buscetta): drei Jahre.

Regierungswechsel heißt Krieg

Wahlen gibt es bei der Cosa Nostra nicht, „Regierungswechsel“ heißt in aller Regel: Krieg. Als im Palermo der späten fünfziger Jahre der Zigarettenschmuggel und die Erpressung von Schutzgeldern florierten und der Drogenhandel anlief, tat sich dabei eine neue „Familie“ brutaler Gangster besonders hervor: die La Barberas. Ihre Forderung nach der Vormacht in der „Kommission“ führte zum ersten großen Mafiakrieg: In den Jahren 1960 bis 1963 wurde ein Dutzend Bosse ermordet, darunter fast die Hälfte der „Kommissions“-Mitglieder. Das Gremium wurde aufgelöst.

Nach einer brüchigen „pax mafiosa“ formierte sich die Spitze der Cosa Nostra im Jahr 1970 neu. Ein Triumvirat übernahm die Führung – die Palermitaner Fraktionen müssen dem Einfluß eines mächtig nach oben drängenden Clans Rechnung tragen: den „Corleonesi“, der „Familie“ von Luciano Liggio.

Diese Entscheidung sollte noch zum schrecklichsten Qualitätssprung der Cosa Nostra führen. Die „Corleonesi“, die Erben der ländlichen Mafia waren es, die erkannten, daß das neue große Geschäft, der Heroinhandel, nicht mit dem alten Ehrenkodex, sondern mit mörderischen Managementmethoden zu führen ist.

Günstiger denn je waren gerade jetzt die Voraussetzungen für eine kriminelle Neuorientierung. Der Zigarettenschmuggel – in trauter Partnerschaft mit der „Camorra“, der neapolitanischen Mafia – lief in industriellem Maßstab: Schiffe mit bis zu 40 000 Kisten Zigaretten an Bord versorgten ein gigantisches Verteilernetz, das bis nach Rom reichte. Über ihre Verbindungen mit den Rauschgiftgroßhändlern der „French Connection“ und die alten Familienbande zur amerikanischen Cosa Nostra mischten die Clans der Sizilianer längst auch im Heroingeschäft mit.

Anfang der siebziger Jahre gelang es der Polizei, die „French Connection“ zu zerschlagen: Marseille als Hauptort, an dem Opium aus dem Orient zu Heroin veredelt wurde, fiel aus. Dieser Umstand eröffnete der Mafia nun den ganz großen Einstieg in den internationalen Heroinhandel. Palermo wurde der neue Umschlagplatz für die Versorgung der europäischen und amerikanischen Märkte.

1,3 Milliarden Reingewinn

Um gleich das ganze Geschäft in die Hand zu kriegen, begnügten sich die Mafiosi bald nicht mehr damit, den tödlichen Stoff nur zu besorgen und zu verkaufen. In den Bergen rund um Palermo richteten sie Labors ein, um das in Massen aus dem Nahen Osten und bald auch aus dem „Goldenen Dreieck“ (in Hinterindien) herbeigeschaffte Rohopium zu reinem Heroin zu veredeln.

Die „Familien“ der Cosa Nostra scheffelten Geld wie nie zuvor. Mit ihrer Jahresproduktion von rund fünf Tonnen reinem Heroin schafften sie gut 30 Prozent des amerikanischen Bedarfs. Über die „Pizza Connection“ vor allem auf die Drogenmärkte von New York geschwemmt, brachte der Stoff zwischen 1975 und 1982 den sizilianischen Clans jährlich rund 1,3 Milliarden Mark Reingewinn.

Mit geeichten „uomini d’onore“ allein war diese riesige Industrie nicht mehr in Gang zu halten. Nun heuerten die Bosse ihre Handlanger auch außerhalb der Cosa Nostra an – Killer, Drogenkuriere, Geldwäscher, denen kein Treueschwur verbot auszupacken, wenn sie geschnappt wurden. Immer öfter kam die Polizei den Geschäften der Mafia auf die Spur: Heroinküchen wurden ausgehoben, Drogentransporte beschlagnahmt, so im Mai 1983 ein griechisches Schiff im Suezkanal mit 233 Kilogramm reinem Heroin an Bord; Absender der chinesische Drogenhändler Koh Bäk Kin aus Singapur; Empfänger: die sizilianische Cosa Nostra.

Als radikale Befürworter der strukturellen Reformen waren in der „Kommission“ die Abgesandten der „Corleonesi“ aufgetreten. Es war das Vorgefecht im Kampf um die Alleinherrschaft. Der Krieg um Palermo und das Heroin-Geschäft der Cosa Nostra begann dann im Mai 1978: Im Territorium von Salvatore Inzerillo, einem Vertreter der „gemäßigten“ Fraktion, wird der mit ihm befreundete Boß Giuseppe di Cristina ermordet. Im selben Jahr gelang es den „Corleonesi“, Michele Greco „u’papa“ (der Papst), den Boß der einzigen Familie aus Palermo, die sich mit ihnen verbündet hatte, zum „Präsidenten“ der „Kommission“ zu küren.

– Ihre mächtigsten Gegner räumten sie 1981 aus dem Weg: die „gemäßigten“ Bosse Stefano Bontade und Salvatore Inzerillo, beide Mitglieder der „Kommission“. Nach dem Mord an Bontade ließ Michele Greco (dies sagten einige „Pentiti“ aus) Champagner auffahren und gab eine „Regierungserklärung“ ab: „Der Falke ist tot. Jetzt ist der nächste dran.“ Der nächste, Inzerillo, wiegte sich in Sicherheit, weil er den „Corleonesi“ noch das Geld für 50 Kilogramm Heroin schuldete. Als er, eines Maiabends gerade von seiner Geliebten kommend, seinen gepanzerten Alfa besteigen wollte, zerfetzte eine Kalaschnikow-Garbe sein Gesicht zu blutigem Brei.

Das Blutbad von Palermo

Gaetano Badalamenti, der letzte große Boß der alten Garde, floh Hals über Kopf zu seinem Freund Buscetta nach Brasilien. In Palermo entfesselten die „Soldaten“ der Clans das schlimmste Morden aller Zeiten; 1981 blieben 102 Tote, 1982 gar 151 auf der Strecke. Unumschränkte Sieger in diesem zweiten großen Mafia-Krieg auf Sizilien: die von Luciano Liggio aus dem Gefängnis heraus dirigierten „Corleonesi“.

Auf ihr Konto gehen nach Ansicht der Ermittler auch fast alle der zwölf Morde an Vertretern des Staates, die zwischen 1971 und 1983 in Palermo und Umgebung verübt wurden. Polizisten, die den Mafiosi und ihren Geschäften auf die Spur kamen, Richter, Staatsanwälte und Politiker, die es wagten, gegen sie vorzugehen, bezahlten ihre Courage mit dem Tod.

Im Juli 1979 erschoß ein jugendlicher Killer in einer Bar von Palermo vor aller Augen den Polizeiinspektor Boris Giuliano, der sich allzu sehr um die Heroin-Millionen und deren Zusammenhang mit den Aktivitäten eines Bankiers namens Michele Sindona gekümmert hatte. Sein Kollege Emanuele Basile – auch er recherchierte, mit welchen Tricks die Erlöse aus dem Drogenhandel saubergewaschen und in Sizilien reinvestiert wurden – fiel ein Jahr später einem Mordanschlag zum Opfer.

Für den Gerichtsarzt Paolo Giaccone war es schon tödlich, daß er Fingerabdrücke auf einem der Autos, das Killer am Ort eines Blutbades zurückgelassen hatten, zweifelsfrei als jene eines polizeibekannten Mafioso identifizierte. Am Telephon hatten ihm Unbekannte zuvor von diesem Gutachten „abgeraten“. Giaccone blieb hart – im August 1982 wurde er kaltblütig erschossen.

Im April jenes Jahres fiel Pio La Torre, der Parteichef der sizilianischen Kommunisten, unter den Kugeln der Mafia. Er hatte, einen Monat zuvor, die Regierung in Rom zum Handeln aufgefordert: sie solle endlich die Verbrechen der Mafia „als politisches nationales Problem anerkennen und aktiv werden, um diese kriminelle Industrie in den Griff zu bekommen“.

Der Staat wurde aktiv, die Mafia auch. Im Mai 1982 beorderte Rom den Carabinierigeneral Carlo Alberto Dalla Chiesa als Polizeipräfekten nach Palermo: jenen Mann, der in den Jahren zuvor den entscheidenden Schlag gegen die „Roten Brigaden“ geführt hatte. Die Mafia und ihre Macht kannte Dalla Chiesa noch aus der Zeit, als er Carabinieri kommandant von Sizilien gewesen war und bereits Dutzende von Bossen vor Gericht gebracht hatte.

Anders als in seinem Kampf gegen den Terrorismus fand der General keine Rückendeckung. In Rom nicht und in Palermo erst recht nicht: die regierende Kaste – allen voran die Christdemokraten – ließ ihn bei jeder Gelegenheit spüren, daß er hier unerwünscht war. In seiner Not wandte sich Dalla Chiesa sogar an den amerikanischen Generalkonsul in Palermo, damit die Vereinigten Staaten in Rom Druck machten. Abbringen ließ er sich von seinen Ermittlungen nicht. Die „Kommission“ der Cosa Nostra faßte bald einen einstimmigen Beschluß: die „Operation Dalla Chiesa“.

Dem Tod konnte der General am Abend des 3. September 1982 nicht entgehen. Über Funk hatte ein Mordkommando Killer auf die Route dirigiert, die Dalla Chiesa und seine junge Frau genommen hatten, um ein Restaurant zu besuchen. Von zwei Motorrädern aus nahmen die Mörder auf einer belebten Straße mitten in Palermo das Auto des Generals mit Kalaschnikows unter Beschuß. Dalla Chiesa sei ermordet worden, weil sich „ein Politiker seiner entledigen wollte“, erzählte Buscetta den Untersuchungsrichtern. Als Täter sind jetzt in Palermo drei Killer angeklagt, die von den „Corleonesi“ und dem mit ihnen befreundeten Drogenhändler Nitto Santapaola aus Catania angeheuert wurden.

Mörder, Denker, Politiker

„Um die Struktur der Mafia der achtziger Jahre zu erklären, muß man drei Ebenen sehen: „die Mörder, die Denker und die Politiker“, schrieb 1983 Giuseppe Fava, der Gründer und Chefredakteur der Zeitschrift I Siciliani. Die Mörder, „dreißig bis vierzig zu allem bereite Verbrecher“, seien nur das Fußvolk; mit den „Projekten“ hätten sie nichts zu tun. Die Denker hätten die Aufgabe, das Geld aus den kriminellen Geschäften der Mafia über legale Operationen, „mit Phantasie und Kompetenz“, sauberzuwaschen und so wieder in die Wirtschaft zu bringen – Musterbeispiel: der Bankier Michele Sindona.

Die Mörder und Denker könnten „ohne die Politiker nicht existieren“, schrieb Fava und rief seinen Lesern „eine kleine grausame Geschichte“ in Erinnerung. In Camporeale, einer Kleinstadt bei Palermo, bewarb sich vor einigen Jahren der örtliche Mafia-Boß bei dem christdemokratischen Bürgermeister Pasquale Almerico um die Aufnahme in die Partei – 400 Wählerstimmen könne er ihm garantieren. Almerico lehnte ab. Der Provinzsekretär der Partei, an den sich der Mafioso zornig gewandt hatte, befahl Almerico: Sofort aufnehmen. Der Bürgermeister blieb beim Nein. Nun schloß die Partei ihn aus und machte den Boß zum Mitglied. Beschwerden von Almerico bei der nationalen Parteileitung der Christdemokraten in Rom blieben ohne Antwort.

Als der Bürgermeister eines Oktoberabends das Rathaus verließ, verlöschten im Ort die Lichter. Von drei Seiten wurde Almerico unter Feuer genommen – er starb im Hagel von 52 Geschossen. Er sei geisteskrank gewesen, stellte hinterher die Partei offiziell fest. Die Mafiosi wurden die Herren von Camporeale. „Ein perfektes Theorem für die Rolle der Politik“, schrieb der Journalist Fava. Ein Jahr später, im Januar 1984, wurde Fava in seiner Heimatstadt Catania ermordet.

„Die Mafia ist eine Gegenmacht zum Staat“, sagt der Soziologe Ennio Pintacuda, „ihr Ziel ist der Profit in jedem Bereich. Wer sich diesem Konzept in den Weg stellt, wird getötet.“ Sie ist „nicht irgendeine kriminelle Bande, die man einsperren kann“, sondern längst „eine internationale Holding, die es bestens versteht, sich neuen Situationen anzupassen“. Erst durch die Rückendeckung von Politikern wird Kriminalität zur Mafia.

Wie die sizilianischen „Familien“ im Laufe der Zeit den gewaltigen Sprung vom Erpresser- und Schmarotzersyndikat zur „umstürzlerischen Macht“ (so definiert es die parlamentarische Anti-Mafia-Kommission) und zum kriminellen Multi schafften, ist die Geschichte eines rücksichtslosen Ringens um Einfluß und Geld.

Im Sizilien des vorigen Jahrhunderts konnten die Männer der „Ehrenwerten Gesellschaft“ noch selber Staat spielen: als parasitäre Vermittler in den sozialen Auseinandersetzungen zwischen Großgrundbesitzern und Pächtern. Den gerissensten Mafiosi fielen am Ende der Feudalherrschaft riesige Ländereien in die Hände: denn schließlich hatten sie dem Freiheitshelden Giuseppe Garibaldi geholfen, die Bourbonen zu verjagen.

Mussolini schickte 1922 den Polizeipräfekten Cesare Mori nach Palermo, um mit Polizeiterror die Macht der Mafia zu brechen. Anders als heute wurde damals der Staat von der Mafia respektiert. Mori hatte Erfolg: Hunderte Mafiosi landeten hinter Gittern; viele entzogen sich dem Zugriff des „eisernen Präfekten“, indem sie in die Vereinigten Staaten auswanderten: nach New York und Chicago, wo sie die Cosa-Nostra-„Familien“ der Prohibitionszeit verstärkten.

An den einflußreichsten ihrer Bosse, „Lucky“ Luciano, wandte sich 1942 der amerikanische Militärgeheimdienst um Hilfe bei der geplanten Landung auf Sizilien. Die Mafia stand den Amerikanern mit Rat und Tat zur Seite, und die „Operation Bulle“ im Juli 1943 lief wie geschmiert. Zum Dank durften die Mafiosi ihre Freunde aus den faschistischen Gefängnissen holen, die Strafregister der Polizei vernichten, Verwaltungsposten besetzen. Schon 1946 stellten sie in Westsizilien fast die Hälfte aller Bürgermeister. Politisch lagen sie auf richtigem Kurs: sie waren sowohl antifaschistisch wie antikommunistisch.

Schulen werden vermietet

Welch herrliche Geschäfte nun zu machen waren, erkannte die Mafia sofort. Von Palermo ausgehend wurde in ganz Süditalien der Zigarettenschmuggel organisiert. Die Vorbilder der „neuen“ unternehmerischen „Familien“ waren nicht mehr die „ehrenwerten Männer“ der sizilianischen Dörfer, sondern die Großstadtgangster der amerikanischen Cosa Nostra. Die wieder in Schwung kommende Wirtschaft, vor allem den enormen Bauboom, der nach dem Krieg in Sizilien einsetzte, wußten die Mafiosi bestens für ihre „alte“ Art der Gewinnbeteiligung zu nutzen: die Erpressung. Als neuen Zweig dieser Branche führten sie ein Verbrechen ein, das bis weit in die siebziger Jahre in ganz Italien zu einer regelrechten Industrie wurde: Menschenraub und Lösegelderpressung.

Bald gab es für die Mafia auch saubere Branchen, in denen sie sich festsetzen konnte. Sizilien war nach dem Krieg eine autonome Region Italiens geworden; zur Entwickung der rückständigen Insel machte der Staat riesige Summen locker: von 1946 bis 1976 allein rund drei Milliarden Mark. An der Mafia kamen die zuständigen Politiker (wenn sie ihr nicht, wie der jetzt angeklagte ehemalige Palermitaner Bürgermeister Vito Ciancimino, gar angehörten) bei der Verteilung des Geldsegens nicht vorbei. Nach dem Muster „Ihr bringt uns Wählerstimmen, wir verschaffen euch Privilegien“ wurden durchaus „ehrenwerten“ Firmen Bauaufträge und Industriesubventionen, öffentliche Dienstleistungen und selbst die Steuereintreibung zugeschanzt.

In den sechziger und siebziger Jahren nahm die Mafia der „Insospettabili“, der Unverdächtigen, ihren Aufstieg. Palermo erlebte eine beispiellos groteske Bauspekulation. Ganze neue Viertel wurden planlos aus dem Boden gestampft. Die Innenstadt-Slums – fest in der Hand der Gangster-„Familien“ – ließ man so, wie sie immer waren. Mitten in der Stadt stehen noch heute Bombenruinen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Gebaut wurde nur, was hohe Renditen versprach: Wohnsilos, Vewaltungsgebäude, Straßen, der Flughafen. Schulbauten verstand die Mafia mit geschäftstüchtigem Kalkül zu verhindern. So ist die Gemeinde Palermo noch heute gezwungen, Klassenräume von Privaten zu mieten: Für 166 solcher Schulen zahlt sie jährlich gut acht Millionen Mark Miete – an vierzig mächtige Immobilienhaie. Zur fallweisen Umverteilung dieser Pfründe hat sich eine einfache Methode eingebürgert: Die Gemeinde „vergißt“ zu zahlen, die Schulräume werden zwangsgeräumt – ein neuer Vermieter tritt auf den Plan, mit kräftig überhöhtem Angebot neuer Klassenräume.

Öffentliche Aufträge wie etwa die Müllabfuhr (die nicht funktioniert), die Erhaltung von Straßen und Abwasserkanälen wußten sich in Palermo einflußreiche Firmen fernab jeder gesetzesgemäßen’ Ausschreibung zu ergattern. Millionen, über deren Vergabe sich Politiker und ihre „Freunde“ nicht einigen konnten, blieben indes jahrelang liegen: zum Beispiel das vom Staat bereitgestellte Geld für die Sanierung der Altstadt. Das „Teatro Massimo“, eines der größten Opernhäuser Europas, ist seit 1973 wegen vorgeblicher Renovierungsarbeiten geschlossen.

Ein Musterbeispiel mafioser Unternehmer hinter untadeliger Fassade sind die Vettern Nino und Ignazio Salvo, die reichsten Männer der Insel. Zwanzig Jahre lang konnten sie durchaus legal Geld scheffeln: Die regierenden Christdemokraten eröffneten ihnen in den fünfziger Jahren eine Goldgrube – die Salvos durften auf Sizilien für den Staat die Steuern eintreiben. Provision: 10 Prozent; im übrigen Italien mußten sich derartige private Steuerkassierer mit 3,3 Prozent begnügen.

Heute ist Ignazio Salvo Angeklagter im „maxiprocesso“ (Vetter Nino starb im Januar an Krebs). Tommaso Buscetta hatte in einer Beichte gestanden, daß die Salvos „uomini d’onore“ sind – ehrenwerte Männer der Cosa Nostra. Dem politischen Paten der Mafia-Vettern, dem Christdemokraten Salvatore Lima, vermochte die Justiz indes nichts anzuhaben. Dieser ehemalige Bürgermeister von Palermo wird zwar in fast jedem Bericht der Anti-Mafia-Kommission als „verdächtig“ geführt, doch Lima ist nach wie vor in Amt und Würden: Abgeordneter im Straßburger Europa-Parlament.

Nicht mehr unantastbar ist aber all der Reichtum, den vor allem die Heroin-Millionen, die sogenannten „Narco-Lire“, seit den siebziger Jahren nach Sizilien geschwemmt haben. Entlang der eleganten Via Libertà in Palermo stehen Geschäfte, Restaurants, Autosalons vom Feinsten – viele gelten als Unternehmen, die mit schmutzigem Geld entstanden sind. Eigenartige statistische Merkmale hat die Stadt ohnehin: dem Pro-Kopf-Einkommen nach liegt Palermo an 80. Stelle der italienischen Städte, den Ausgaben nach aber am 8. Rang.

Beschlagnahmt haben die Justizbehörden die Besitzungen Dutzender angeklagter und verdächtiger Mafiosi: Baufirmen, landwirtschaftliche Güter, Wohnanlagen, Hotels im Wert von mehreren hundert Millionen Mark. Ratlos ist man aber darüber, was nun damit zu geschehen hat. „Der Staat muß mit sauberen Leuten und Unternehmen den Platz besetzen, den er der Mafia entrissen hat“, fordert der Soziologe Pintacuda. Gesetzesvorlagen recht hilfloser Art gibt es schon: So soll etwa künftig jeder Unternehmer, der öffentliche Aufträge bekommen will, lediglich erklären müssen, daß er nicht der Mafia angehört.

Geschickt verstehen es derweil die Mafiosi und ihre Freunde, gegen den Staat und die Justiz Stimmung zu machen: die Wirtschaft Palermos werde zerstört, durch den Prozeß erleide die Stadt nichts als Schaden, gehe ihr Ruf vollends zuschanden. Sie haben leichtes Spiel, denn hier ist die Mafia reale alltägliche Macht – sie gibt Arbeit und Schutz, sie erpreßt und schüchtert ein. Ideal sind die Bedingungen, die sie dafür vorfindet: Offiziell sind in Palermo, einer Stadt mit 700 000 Einwohnern, 80 000 Menschen arbeitslos, aber schätzungsweise 200 000 schlagen sich mit Gelegenheitsjobs zwischen Korruption und Kriminalität durchs Leben.

Allein zehntausend Familien – vornehmlich aus den Armenvierteln – verdienen sich ihr Brot im innerstädtischen Heroinhandel. Zynisch konnte Tommaso Spadaro – ein jetzt angeklagter Rauschgift-Boß, auf dessen Schweizer Konto die Ermittler über eine Milliarde Mark fanden – vor Jahren erklären, er sei der „Agnelli des Südens“. Folge dieser Arbeitsbeschaffung: fast zwanzigtausend Drogenabhängige in Palermo.

Mafia-Krise auf den Straßen

Wer nicht zur Mafia gehört, dem preßt sie Schutzgeld ab: den „pizzo“ hat in Palermo jeder Ladenbesitzer, jeder Unternehmer je nach Einkommen zu entrichten. Der Industrielle Giovanni Salatiello weigerte sich vor zwei Jahren, die geforderten 600 000 Mark zu zahlen. Er lebt zwar noch (beschützt von Leibwächtern); die Besitzer zweier Zulieferfirmen wurden umgebracht. Jetzt, da Hunderte Mafiosi hinter Gittern gelandet sind, müßten die Leute von Palermo über diesen Schlag gegen ihre Blutsauger eigentlich froh sein. Doch ist die Unordnung seither noch schlimmer geworden; dahin ist der Schutz, den die Mafia garantierte. Heute haben Kriminelle, die auf eigene Faust arbeiten, Hochkonjunktur. Sprunghaft angestiegen ist seit einem halben Jahr die Zahl der Überfälle auf Passanten und Geschäfte; Tagesdurchschnitt: zwanzig Raubüberfälle.

„Crisi di mafia“, Mafia-Krise auch auf den Straßen Palermos. Seit der neue Bügermeister Leoluca Orlando darangeht, die kommunalen Aufträge wieder im freien Wettbewerb zu vergeben, müssen Mafia-Unternehmen „sauberen“ Firmen Platz machen. Prompt entließen sie einen Teil ihrer Arbeiter, die sich bereits zu zornigem Protest zusammengerottet haben.

Die Forderung der Demonstranten ist unmißverständlich: „Wir wollen die Mafia, denn sie gibt uns Arbeit.“