„Buscetta, ein Ehrenmann? – Aber ich bitte Sie, Euer Ehren! Der ist dreimal verheiratet, hat eine Geliebte nach der anderen und nimmt Kokain. Hat er mir selber gesagt!“ Gekannt, ja gekannt habe er ihn, und das sei jetzt eben sein „Pech“. Er, Antonino Camporeale, ein Mitglied der Cosa Nostra? „Alles infame Phantasien dieses Buscetta.“ Schlichtweg Unsinn sei es, ihn wegen „Zugehörigkeit zu einer mafiosen Vereinigung“ schon wieder vor Gericht zu zerren.

30 reuige Mafiosi

Nein, herauszukriegen ist aus diesen Angeklagten nichts. Sie reden zwar, haben aber mit all den Vorwürfen – Mord, Drogenhandel, Erpressung und so weiter – nichts zu tun. Die „Omertà“, das Schweigegesetz der Mafia, hält immer noch, mag auch das Schandmaul Buscetta „gesungen“ und damit zum erstenmal die geheimnisvolle Macht der Mafia erschüttert haben.

Doch, und das gab es noch in keinem der bisherigen Mafia-Prozesse: In Palermo stehen fast dreißig weitere „Pentiti“ vor Gericht – „reuige“ Mafiosi, die es Don Masino gleichtun und mit der Justiz zusammenarbeiten. Salvatore Contorno zum Beispiel, ein Mann aus der Buscetta-„Familie“, der nur dank seines unwahrscheinlichen Instinkts noch am Leben ist. Niemand vor ihm ist je einem Mordanschlag des gefürchtetsten Killers von Palermo, Pino Greco „scarpazzedda“ (der kleine Schuh), entkommen. Contorno lebt, wie Buscetta, in den Vereinigten Staaten und droht, nur dann vor Gericht auszusagen, wenn er ganz sicher sein könne, daß ihm dabei nichts zustößt.

Haarsträubende Gewalttaten verriet auch der „reuige“ Killer Vincenzo Sinagra. In einer Folterkammer am Hafen pflegten der Mafia-Boß Filippo Marchese und „Scarpazedda“ ihre Opfer eigenhändig zu Tode zu quälen. Zwei Jugendliche, die ohne Genehmigung der zuständigen „Familie“ Einbrüche verübt hatten, wurden stranguliert und in ein Säurefaß geworfen. Übrig blieben ihre Armbanduhren.

Ist dieser Prozeß nun der große Schlag gegen die Cosa Nostra? „Der Kopf der Schlange ist außerhalb dieses Gerichtsverfahrens zu suchen“, meint Aldo Rizzo, ein Mitglied der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission. „Die Mafia hat eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg“, sagt der Soziologe Ennio Pintacuda. Er argwöhnt, daß die Justiz hier womöglich nur abgehalfterter Chargen habhaft geworden ist: „Diese Angeklagten sind doch verbrannte Leute – gente bruciata.“

Sicher, die Untersuchungsrichter haben erdrückende Mengen von Belastungsmaterial zusammengetragen. Aber: Ein Viertel der Angeklagten sind flüchtig, darunter jener Salvatore Riina, den Buscetta als Mafioso genannt hat, „der in der Hierarchie von Cosa Nostra vielleicht noch wichtiger ist als Michele Greco“. Außerdem hat Buscetta vor allem seine Gegner verpfiffen: Mafiosi der Clane Corleone (Liggio) und Palermo (Greco), die in den frühen achtziger Jahren im Krieg gegen die alteingesessenen Palermitaner Bosse (Badalamenti, Buscetta, Bontade, Inzerillo) die Vormacht errangen.