Kampf auf der Treppe, Schlacht im Salon – Seite 1

Draußen im Foyer lärmt die Musik, tobt der Zirkus. Der riesige Zuschauerraum drinnen ist beinahe noch leer. Ein einziger, stummer, halbnackter Künstler unterhält die Wartenden. Unendlich dürr ist er, unendlich grau sein Gesicht – gleich, meint man, wild er Kafkas "Hungerkünstler" vorführen

Weit gefehlt! Der dürre Graue ist ein Athlet. Zuerst mimt er in der Proszeniumsloge eine grämliche Karyatide. Dann schlurft er auf die leere Bühne und beginnt das erstaunlichste Körperspiel; bringt seinen Bauch zum Verschwinden, bläht den Brustkorb, bis die Rippen durch die Haut zu brechen drohen, verwandelt seine Schulterblätter in kurze, knöcherne Flügel. Vorüber, ach vorüber! Da, endlich, stürmt das Ensemble den Zuschauerraum und die Bühne, vertreibt den wilden Knochenmann. Das Schauspiel beginnt: "Der Bürger als Edelmann", eine Komödie mit Ballett von Jean-Baptiste Molière, eine Klamotte mit Tanz von Jérôme Savary.

Als ich Savary zum erstenmal sah, 1972 in München, da schien er mir der Inbegriff des rebellischen Künstlers zu sein: ein wilder, wild dreinblickender Geselle, Anführer einer wilden Theaterhorde, des "Grand Magic Circus". 1986 verbeugte sich im Hamburger Schauspielhaus ein rundlicher, freundlicher Herr im viel zu knappen Smoking. Aus dem wüsten Zirkusdirektor von einst scheint ein gutmütiger Kapellmeister geworden zu sein, der Brandstifter als Biedermann.

Wenn der dürre Athlet verschwunden ist, das Spektakel im Schauspielhaus beginnt, so richtig frech und frisch und frischwärts, möchte man erst einmal melancholisch werden. Früher brachte Savary das Theater in Gefahr, heute bringt er es aus der Gefahr – wo immer ein deutsches Stadt- und Staatstheater kriselt und lahmt, holt man sich den furiosen Franzosen als Animateur.

Daß Savary bei all den Kraftakten (die man von ihm erwartet und bekommt) selber Kräfte gelassen hat, ist nicht weiter verwunderlich. Doch wunderbar ist, wieviele Kräfte er immer noch hat. Ein paar Zähne mögen dem Löwen ausgefallen sein – ein Löwe ist er immer noch. Und so hat er, nachdem er erst kürzlich Ivan Nagels Stuttgarter Theater in Fahrt gebracht hat ("Bye-Bye, Show-Biz") nun auch für Peter Zadeks schwer geprüftes Hamburger Schauspielhaus den ersten Sieg errrungen.

Ein Glücksfall für Savary: "Der Bürger als Edelmann" ist kein besonders gutes Stück. Eher ein Divertimento, eine Revue, eine Show als ein dramaturgisches Meisterwerk. Der brave, reiche Herr Jourdain hat sich in eine schöne Gräfin verliebt und möchte nun gewaltsam zu Kultur und Adel kommen. Vielleicht auch hat er sich in den Adel verliebt und möchte nun zu einer schönen Gräfin kommen. Weil Herr Jourdain reich ist, kann er sich alles kaufen was er nicht hat; also kauft er sich, was er am allerwenigsten hat: Kultur. Beschäftigt und füttert eine groteske Armada von Musiklehrern, Tanzlehrern, Philosophen, Schneidern. Am Ende hat er weder die Gräfin bekommen noch die Kultur, doch davon merkt sein gründlich verwirrter Kopf wohl nichts mehr.

Herr Jourdain ist ausgestiegen, abgeflogen, entrückt – und jetzt hat der Schauspieler Heinz Schubert seine größten Momente. Er taumelt, er schwebt, er ist im tiefsten Jammer ganz und gar glücklich. Ein Traumtänzer und Schlafwandler, die billige Taschenausgabe gewissermaßen des Prinzen von Homburg.

Kampf auf der Treppe, Schlacht im Salon – Seite 2

Savary hat die Rolle des Herrn Jourdain selber gespielt – als er das Stück vor einigen Jahren in Paris schon einmal inszenierte. Man kann sich vorstellen, daß er ein größerer Wüstling war, mehr Charisma hatte als jetzt Schubert, der ein trefflicher Komiker ist, aber eben ein Komiker; ein Künstler der Verkleinerung; einer, der die Stürme auf der Bühne weniger entfesselt als in ihnen untergeht. Der kaum einmal zeigt, woher Jourdains verrückte Marotten kommen: aus dem wahren Liebeswahn.

Savary ist ein Regisseur der Massen und der Knalleffekte, keiner für die Dialoge. Meistens wirkte das Stück eher störend – weswegen Savary es fortwährend mit Requisiten-Scherzen und Slapstick-Späßen attackierte, ja sabotierte.

Alles kehrte sich um: die Zwischenspiele wurden zur Hauptsache, die Hauptsache (das Drama) zum Zwischenspiel. Die Szenen lahmten, die Tänze aber explodierten – wobei Savary unvergleichlich die Balance hielt zwischen choreographischer Präzision und chaotischer Schlamperei. Es tanzten die Schneider, es tanzten die Köche, Brusthaare brannten, Kochtöpfe detonierten.

Manchmal sah die Aufführung aus, als würde die Schauspieltruppe des Marquis de Sade nach der Ermordung des Marat nun auch den "Bürger als Edelmann" aufführen wollen. Manchmal raste das Theater – und wenn das Theater rast, macht es keinen Unterschied, ob es um Lears Wahnsinn geht oder bloß um eine irre Klamotte; macht es auch keinen Unterschied, ob Virtuosen rasen oder Dilettanten.

Alexandre Guini war in verschiedenen Rollen (als Philosoph und als Diener) der Artist des Abends: ein Mensch wie ohne Knochen, ein Körper wie aus Gummi – auf dem ein Kopf sitzt, in dem es fortwährend rumort und zuckt und spukt. Als wäre einer direkt aus E. T. A. Hoffmanns Schattenreich auf die Schauspielhaus-Bühne entsprungen.

Und wie aus einer anderen Inszenierung, einer anderen Welt schien Rosel Zech gekommen zu sein, des Herrn Jourdain Gemahlin. Statt der bekannten Molière-Charge vom keifenden Eheweib spielte sie, inmitten des allgemeinen Krawalls, ein leises Melodram der liebenden Frau: ironisch-amüsiert über den durchdrehenden Gatten, bald fassungslos staunend, bald tödlich betrübt. Da raste das Theater nicht, da stand es für Sekunden still.

Michel Lebois hatte die Bühne angemessen scheußlich-protzig hergerichtet, hatte Herrn Jourdains Salon in ein vulgäres Klein-Versailles verwandelt. Und natürlich spielten auch zwei wieder mit, die in jeder Savary-Inszenierung dabei sind: der Zwerg und das Huhn.

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Eine kühn geschwungene, halsbrecherisch steile Treppe, hinauf ins Nirgendwo – sie ist das ganze Bühnenbild. Axel Manthey hat es erfunden, für Jürgen Goschs Inszenierung von Molières "Menschenfeind". Die Treppe ordnet jede Bewegung und macht jede Bewegung zur Gefahr. Also ist die Treppe natürlich nicht bloß eine Treppe, sondern eine Metapher. Ein Gesellschaftsspiel findet statt, doch man spielt es am Rande des Abgrunds, kurz vor dem Absturz. So ist Molières Komödie aus dem Salon in die Steilwand verlegt worden.

Gösch und Manthey haben diesen "Menschenfeind" schon 1982 in Köln gezeigt, mit viel Erfolg; die Aufführung gastierte dann auch beim Berliner Theatertreffen. Trotzdem sieht man jetzt im Hamburger Thalia Theater keine Reprise, sondern eine Variation: Tempo und Tonart der Aufführung haben sich merklich verändert, verschärft. In Köln funktionierte das Spielwerk der Komödie noch, in Hamburg rast es, droht es, auseinanderzufallen. Das Fieber ist höher, die Nerven aller sind schlechter geworden. Das Stück könnte nun auch "Die Hypochonder" heißen: der nämliche Trübsinn, die nämliche Tobsucht scheint alle Figuren befallen zu haben. Die raschen, hitzigen Wortgefechte könnten jede Sekunde in Handgreiflichkeiten übergehen.

Hans Christian Rudolph spielt wie in Köln die Titelrolle. Doch mit einer anderen Célimène (Sabine Wegner statt Giulietta Odermatt) ist auch er ein anderer geworden – noch nervöser, noch zänkischer, noch verlorener, noch weiter weg von allen philosophisch-edlen Zügen, mit denen das Theater die Figur des Misanthropen gerne ausstattet. Alceste und Célimene: zwei Wundgeriebene, aneinander Krankgewordene, von denen keiner mehr weiß, ob er sich dem andern ausliefern oder sich lieber vor ihm retten soll.

Der Furor, mit dem Sabine Wegner gerade im "Stammheim"-Film die Gudrun Ensslin gespielt hat, er bricht nun auch ein in die alte Komödie. Ein dünnes, rabiates Mädchen, wütend auf alle und alles. Lautstark zornig und lichterloh innig; eine reine Seele und ein wahrer Satansbraten. Alles greift ihr ans Herz, alles geht ihr an die Gurgel, alles über den Verstand. So ist sie eher des Menschenfeinds rappelköpfiger Zwilling als sein fernes, unerreichbares Idol.

Gösch wagt mehr als seinerzeit in Köln, und er zahlt einen höheren Preis: kein Wortballett mehr, kein Tanztheater auf der Treppe, wenig Leichtigkeit. Vieles, in der geradezu physisch spürbaren Premierenangst, verkrampft, verzerrt, verzappelt. Das sonderbar Vorsätzliche aller Gosch-Inzenierungen kommt auch diesmal wieder zum Vorschein. Der "Menschenfeind" auf der Treppe: das ist vor allem eine ästhetische Behauptung, eine intellektuelle Konstruktion. Gewiß, die Maschine ist nun anders, nach einem schwierigeren Bauplan zusammengesetzt als damals in Köln; aber eine Maschine ist es immer noch.

Trotzdem werden wir uns dankbar an ein lebhaftes Theaterwochenende erinnern. Am einen Abend watete die Schauspielkunst unerschrocken im Sumpf, am anderen balancierte sie tollkühn am Abgrund. Am Ende war Savarys Salon fröhlich verwüstet, Axel Mantheys Treppe traurig leer. Danach Ovationen für alle und für einen gleich zweimal: Molière.

Benjamin Henrichs