Von Hans Daiber

Der Wirt der Aschenbrennerhütte hat schon gehört von der rätischen Rätselinschrift von Steinberg am Schneidjoch auf der Tiroler Seite des bayerisch-österreichischen Mangfallgebirges. Der Herbergsvater zeigt nach Süden, auf die Bergwand vis-à-vis: Dort drüben, etwa in gleicher Höhe (1475 Meter), erhebt sich eine senkrechte Felstafel. An deren niedrigem, westlichem Ende soll die Inschrift zu finden sein, aber er glaube nicht, daß ich sie ausforschen könne.

Von Wildbad Kreuth (782 Meter) gibt es drei Möglichkeiten, zur Aschenbrennerhütte aufzusteigen. Man kann die Westroute nehmen, sie führt über die Königsalm (1115 Meter), dann nördlich weiter unterhalb des Schildensteins (1611 Meter) und schließlich auf österreichischer Seite parallel unter den Blaubergen nach Osten zur Hütte hin, die früher einmal Gufferthütte hieß. Oder man geht geradewegs in Richtung Süden auf die Blauberge zu, durch die Wolfsschlucht (983 Meter) und über den Predigtstuhl (1081 Meter). Ich habe vorsichtshalber den gemütlichsten Aufstieg gewählt, am Gasthof „Schwaiger-Alm“ vorbei und durch die Lange Au. Bis zur Bayrbachalm führt ein breiter, geschotterter Forstweg, Wald und Wiesen säumen ihn.

Mindestens drei Stunden dauert der Anmarsch allemal, denn was man sich an Entfernung erspart, büßt man beim Klettern wieder ein. Nach einer Stunde freilich bin ich des gemächlichen Anstiegs überdrüssig. Statt den Langenberg zu umrunden, marschiere ich im Zickzack-Kurs die Berglehne hinauf, vom Steinernen Kreuz bis zur Bayrbachalm. Erste harsche Schneezungen sind zu sehen, aber auch Alpenblumen: Frühlingsenzian (gentiana verna), dessen fünf blaue Blütenblätter eher der Blüte des Immergrüns ähneln als dem berühmteren Enzian (clusii), der Symbolblume der Alpen, aber auch Rhododendren. Noch sind sie blütenlos. Rund um die Bayrbachalm leuchten Primeln und Maiglöckchen. An einem moorigen Tümpel wuchern Trollblumen, Alpenschnittlauch und Steinbrech.

Weiter geht es im Zickzack auf den Halserspitz zu. Seidelbast, Zwergfarne und die Alpenglöckchen mit ihren gefiederten blauen Kelchen wachsen um die Wette. Endlich, in einer Senke, weist ein Schild den Weg nach Österreich. Ich biege nach links ab, wate durch Schneefelder, ab und zu sinke ich knietief ein, die Füße werden naß. Zur Rechten liegt das Felsmassiv des Halserspitzes. Dann öffnet sich der Ausblick ins Filzmoos hinunter und zum Schneidjoch hinauf. Sanft führt der Weg bergab an der nach Süden gerichteten Berglehne, er ist schneefrei. Ovale Blechschilder mit dem bayerischen Löwen und dem deutschen Bundesadler markieren die Grenze. Dann endlich kommt die letzte Biegung, dahinter steht das dreistöckige Aschenbrennerhaus, dessen Anblick mir schon im Tal mißfallen hatte.

Ich folge den Richtungsangaben des Hüttenwirts, durchquere nochmals ein flaches Tal und steige schräg bergauf. Wieder liegt Schnee unter den Füßen. Aus der Nähe betrachtet, zeigt die Felswand allerlei Spalten. Ich blicke nach oben – da sehe ich plötzlich die Inschrift im Fels. Unleserliche Schriftzeichen, in mehreren Bändern angeordnet, auf einer etwas überhängenden, ziemlich glatten Platte. Die Stelle markiert ein wohl zehn Meter langer Riß, der von dem Felsmassiv einen großen Klotz abspaltet. Das zurücktretende Gestein, Riffkalk aus dem Trias, bildet eine kleine dreieckige Grotte, in der Wasser auf sandigem Grund zusammenrinnt, eine kalte Calcium-Hydrogen-Carbonat-Quelle. Man hat sie „Runenquelle“ getauft, sie gilt als keltisches Heiligtum.

Die Inschrift lautet: